Diagnostik und Therapie in einem – Das Grundprinzip der Theranostik

Shownotes

Gäste:

Prof. Dr. med. Matthias Eiber, Technische Universität München (TUM) Prof. Dr. med. Constantin Lapa, Universitätsklinikum Augsburg

Beschreibung:

Theranostik verbindet zwei Schritte, die in der Medizin bislang getrennt waren: die Diagnose eines Tumors und seine gezielte Behandlung – mit demselben Wirkstoff. In dieser Folge erklären Prof. Dr. med. Constantin Lapa und Prof. Dr. med. Matthias Eiber, wie das sogenannte Schlüssel-Schloss-Prinzip funktioniert, welche Krebsarten davon profitieren und was Patientinnen und Patienten von dieser Therapieform erwarten können. Außerdem räumen sie mit verbreiteten Vorbehalten gegenüber radioaktiver Strahlung auf.

Links:

Bayerisches Zentrum für Krebsforschung (BZKF)

https://www.bzkf.de/

Theranostik

https://de.wikipedia.org/wiki/Theranostik

Nuklearmedizin

https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearmedizin

Universitätsklinikum Augsburg

https://www.uk-augsburg.de/

Technische Universität München (TUM), Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin

https://www.nuklearmedizin.mri.tum.de/

Radiojodtherapie

https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/strahlentherapie/radiojodtherapie.php

Prostatakrebs

https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/

Neuroendokrine Tumoren

https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/neuroendokrine-tumoren/

PET-CT

https://www.krebsinformationsdienst.de/untersuchung/bildgebung/pet.php

Transkript anzeigen

00:00:02: Theranostik und Nuklearmedizin einfach erklärt.

00:00:08: Ein

00:00:08: Podcast des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung.

00:00:14: Wie wäre es, wenn ein Medikament so eingesetzt werden kann, dass es Tumorzellen sowohl sichtbar werden lässt als auch therapiert?

00:00:23: In dieser Folge gehen wir der Frage auf den Grund: Ist die Theranostik ein Meilenstein, auf den die Medizin gewartet hat?

00:00:30: Und damit ganz herzlich willkommen zu unserem Podcast Theranostik und Nuklearmedizin einfach erklärt.

00:00:36: Und dazu begrüße ich Prof.

00:00:38: Dr.

00:00:38: Constantin Lapa, Nuklearmediziner am Universitätsklinikum Augsburg, und Prof. Dr.

00:00:44: Matthias Eiber, Nuklearmediziner an der Technischen Universität München!

00:00:49: Und damit ganz herzlichen Willkommen.

00:00:50: Schön, dass ihr da seid.

00:00:52: Ja, wenn man den Begriff Nuklearmedizin hört, das klingt ja erstmal relativ abstrakt, vielleicht sogar ein bisschen gefährlich.

00:00:59: Was sagt ihr den Patienten, um ihnen diese Angst zu nehmen?

00:01:03: Wir sagen den Patienten, die Nuklearmedizin ist eine Disziplin, in der wir mit schwachen radioaktiven Stoffen sowohl Krankheiten diagnostizieren als auch Krankheiten therapieren können.

00:01:13: Und unser großer Vorteil im Vergleich zu anderen Methoden in der Medizin ist, dass wir sehr zielgerichtet und auf eine Zielstruktur fokussiert diese Prozedur durchführen können.

00:01:25: Trotzdem gibt es ja relativ viele Vorurteile.

00:01:28: Kann ich mir vorstellen, wenn Patientinnen und Patienten zu euch kommen?

00:01:31: Was sind denn die größten Vorurteile oder Missverständnisse, die Patienten da haben?

00:01:35: Und wie entgegnet ihr diesen?

00:01:37: Ich glaube, das schwang schon bei der ersten Frage mit.

00:01:39: Also Radioaktivität wird doch immer als etwas Negatives, als etwas Gefährliches wahrgenommen.

00:01:44: Das können wir ganz gut entkräften.

00:01:45: Wir benutzen sehr geringe Stoffmengen.

00:01:47: Wir haben genau definierte Stoffe, die wir einsetzen. Wie Matthias schon gesagt hatte, auch die Diagnostik und Therapie ist ja zielgerichtet.

00:01:52: Das heißt, wir haben hier sehr gut verträgliche Methoden für die Patienten, die einen Mehrwert generieren.

00:01:57: Ich würde vielleicht eine Sache noch ergänzen... Wenn man mit Patienten spricht über Nuklearmedizin, dann haben viele Angst davor, in einem sogenannten Strahlenbunker zu sein während nuklearmedizinischer Therapien.

00:02:09: Das ist nicht so.

00:02:10: Es gibt bei uns in der Tat einen Kontrollbereich, in dem sich die Patienten während der Therapie aufhalten, aber das ähnelt in keinster Weise einem Bunker.

00:02:17: Das sind ganz normale Patientenzimmer mit Fenstern, wo man quasi auch, sag ich mal, mit Schwestern interagieren kann.

00:02:25: Wo man nicht alleine ist, und das ist ein großes Vorurteil, mit dem man aufräumen sollte.

00:02:31: Viele Menschen haben trotzdem Angst vor radioaktiver Strahlung.

00:02:34: Sie strahlen dann selbst?

00:02:35: Sie bekommen radioaktive Mittel eingespritzt oder eingesetzt oder müssen sie schlucken?

00:02:40: Wie sicher ist die Nuklearmedizin im Vergleich zu anderen Tumortherapien?

00:02:45: Kann man das sagen?

00:02:48: Also durch diese zielgerichteten Methoden, die wir einsetzen, sehr sicher.

00:02:51: Sehr gut verträglich also.

00:02:52: Auch im Vergleich zu anderen Therapeutika wie Chemotherapie oder einer klassischen Strahlentherapie ist eigentlich die Nebenwirkungsrate doch deutlich geringer.

00:02:58: Das ist auch, was die Patienten uns berichten, dass die Therapie sehr sehr gut vertragen wird. Klar,

00:03:03: es ist nicht ohne jegliches Risiko, muss man auch zugeben, wie jede Therapie, die wir machen.

00:03:07: Aber ich glaube im Verhältnis ist es relativ gut verträglich.

00:03:10: Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Patient auch Angst hat,

00:03:13: vielleicht durch diese radioaktive Strahlung erst recht Krebs zu bekommen?

00:03:16: Oder einen weiteren Tumor.

00:03:17: Ist das gerechtfertigt?

00:03:21: Dass es diese Ängste gibt, kann man verstehen.

00:03:24: Es ist sehr unwahrscheinlich.

00:03:27: Viele unserer Patienten haben eine fortgeschrittene Krebserkrankung, und wir helfen ihnen durch unsere Therapien. Der Nutzen überwiegt dem Risiko deutlich.

00:03:37: Und es gibt auch bei jüngeren Patienten viele Langzeitbeobachtungen, und da hat man keine erhöhte Krebsrate im Vergleich zu Patienten gesehen, die keine radioaktive Behandlung bekommen haben.

00:03:48: Lass uns mal über Theranostik sprechen, Matthias.

00:03:50: Was bedeutet dieses Prinzip eigentlich?

00:03:54: Das Prinzip der Theranostik bedeutet, dass ich mit einer Zielstruktur sowohl eine Erkrankung, einen Tumor, diagnostizieren als auch behandeln kann.

00:04:05: Und dazu setzen wir radioaktive Stoffe ein, sogenannte Botenstoffe nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip, die sich zielgerichtet an Erkrankungen, zum Beispiel Tumorherde, anlagern, diese sichtbar machen können und gleichzeitig bzw. in einem zweiten Schritt mit einem ähnlichen radioaktiven Mittel dann diese Tumore behandeln können.

00:04:23: Effektiv.

00:04:24: Also das klingt ja wahnsinnig innovativ, wahrscheinlich auch eine Methode, auf die viele Menschen lange gewartet haben.

00:04:30: Ich muss mir das so vorstellen, dass wir dann ein Bild sehen von einem Körper, und die Stellen, an denen Tumore sitzen oder vielleicht Krebszellen, die leuchten dann auf.

00:04:38: Ist es tatsächlich so?

00:04:39: Im Prinzip schon.

00:04:40: Also wenn man's einfach erklärt: Wir haben immer eine Ganzkörperinformation, also wirklich von Kopf bis Fuß, wir können auch Unterschiede im Körper sichtbar machen. Und die Tumorherde reichern unsere Substanz spezifisch an, und die sind dann doch sehr deutlich abgrenzbar im Vergleich zu den normalen Geweben.

00:04:53: Ist das eine neue Methode oder eine Weiterentwicklung?

00:04:56: Oder wie lange gibt es die eigentlich schon?

00:04:59: Für die Puristen unter uns: wenn wir sagen, eigentlich schon seit den vierziger Jahren.

00:05:02: Also schon relativ lange, achtzig Jahre, mit dem Radiojod, also für Schilddrüsenerkrankungen, sowohl gutartige als auch bösartige Schilddrüsenerkrankungen.

00:05:09: Ich glaube, es ist ein bisschen mehr ins Bewusstsein gekommen, jetzt vor allem durch das Prostatakarzinom, was jetzt relativ neu ist, und Prostatakarzinome, die wir gezielt adressieren können.

00:05:16: Und wir haben auch neuroendokrine Tumore.

00:05:17: Das sind noch eine andere große Tumorgruppe, für die es auch schon dieses theranostische Prinzip aus der Nuklearmedizin gibt.

00:05:22: Und was man vielleicht noch ergänzen kann, ist, dass aktuell sehr verschiedene radioaktive Stoffe in Entwicklung sind.

00:05:30: Dass wir über die Schilddrüsenerkrankungen, über das Prostatakarzinom, über die neuroendokrinen Tumore hinaus auch noch in Zukunft andere Tumoren mit dieser sehr schonenden Methode behandeln können. Und dazu sind verschiedene Universitätskliniken auch im bayerischen Raum aktiv daran beteiligt, diese neuen Methoden in Patienten zu bringen und zu beweisen, dass diese Vorteile in der Behandlung von Krebserkrankungen haben können.

00:05:53: Lass uns doch mal ein bisschen genauer über dieses Schlüssel-Schloss-Prinzip sprechen.

00:05:56: Du hast es ja gerade schon angedeutet.

00:05:58: Wie muss ich mir das vorstellen?

00:05:59: Also die Krebszelle hat eine Besonderheit, eine Eigenschaft, und dafür muss dann der Schlüssel explizit gefunden werden?

00:06:06: Genau!

00:06:06: Das ist eigentlich eine sehr gute kurze Erklärung.

00:06:10: Verschiedene Krebsarten haben verschiedene Oberflächeneigenschaften, kleine Eiweiße, die an der Oberfläche der Tumore lokalisiert sind, und dafür kann man chemisch kleine Botenstoffe entwickeln,

00:06:22: die dort zielgerichtet sehr stark binden können.

00:06:25: Und diese Botenstoffe muss man dann mit radioaktiven Isotopen, mit kleinen radioaktiven Elementen beladen, so dass man sie zum einen nutzen kann, um den Tumor dadurch sichtbar zu machen, oder zum zweiten auch nutzen kann, um den Tumor gezielt bekämpfen zu können.

00:06:39: Das war ja so ein bisschen meine Eingangsfrage.

00:06:40: Also es ist jetzt ein Medikament, was verabreicht wird?

00:06:43: Was dann gleichzeitig die Tumorzellen sichtbar macht und sie heilt.

00:06:47: Oder sind das doch verschiedene Schritte?

00:06:49: Wie genau funktioniert das?

00:06:50: Es sind streng genommen zwei Schritte.

00:06:51: Also wir haben zumindest immer den diagnostischen Anteil, dass wir das diagnostische Molekül verabreichen, um dann die Erkrankung sichtbar zu machen und auch ein Bild über das Ausmaß der Erkrankung zu bekommen.

00:07:00: Und dann haben wir eigentlich in großen Tumorkonferenzen, interdisziplinären Tumorboards, zur Diskussion, was ist die beste Therapie?

00:07:07: Wenn dann für die nuklearmedizinische Therapie votiert wird, können wir mit einem anderen Medikament, was sehr ähnlich ist,

00:07:12: aber ein bisschen unterschiedlich ist – ein anderer Strahler daran oder in einer anderen Strahlung markiert –, die Therapie einleiten.

00:07:18: Das heißt, dieses Taxi – ich nenn's mal jetzt einfach Taxi – was in den Körper kommt, ist erst einmal grundsätzlich das gleiche und ist nur mit einem anderen oder weiteren Medikament versehen?

00:07:28: So kann man das zusammenfassen. Das sind also Radioisotope, wie Matthias schon gesagt hat.

00:07:32: Also radioaktive Substanzen, und das können wir austauschen. Das Taxi ist aber relativ identisch.

00:07:37: Bei welchen Krebserkrankungen ist die Therapie heute schon Standard?

00:07:42: Wie grundsätzlich zuvor schon erklärt, bei Schilddrüsenerkrankungen hat man sie schon seit achtzig Jahren eingesetzt.

00:07:50: Bei neuroendokrinen Tumoren wurde sie in den letzten fünfzehn Jahren entwickelt, und beim Prostatakarzinom ist sie mittlerweile seit drei bis vier Jahren im klinischen Standard, in bestimmten Tumorstadien.

00:08:01: Und aktuell wird sie in verschiedenen Erkrankungen weiterentwickelt, um auch dort hoffentlich Gutes für die Patienten tun zu können.

00:08:10: Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich habe einen Scan bekommen, ein PET-CT, und ich weiß, okay, an der Stelle sind meine Tumore, da sind Krebszellen – wer entscheidet dann?

00:08:20: Du hast vorhin das Tumorboard schon angesprochen.

00:08:23: Wird das in der Gemeinschaft entschieden, oder sind das einzelne Ärzte, ob ich für diese Therapie infrage komme?

00:08:27: Es ist eine gemeinschaftliche Entscheidung in der Zusammenkunft verschiedener Experten aus verschiedenen Fachrichtungen. Also zum Beispiel beim Prostatakarzinom sind die Kollegen der Onkologie da, die Kollegen der Urologie, Strahlentherapie, Nuklearmediziner, Radiologen, auch Pathologen, und dann wird im Konsens gemeinsam diskutiert und auch entschieden, was denn die individuell beste Therapie für den einzelnen Patienten ist.

00:08:46: Wenn es jetzt Tumorzellen oder Tumore gibt, die vielleicht nur schwach leuchten im PET-CT – profitieren diese Zellen trotzdem von der Therapie, bzw.

00:08:54: das Gegenteil – also werden sie trotzdem bekämpft?

00:08:57: Das ist ein wichtiger Punkt, den anzusprechen, und ich glaube hier, wie Konstantin gesagt hat, kommt wirklich das Tumorboard essenziell zum Einsatz, weil man im Tumorboard sich auch diese Bilder mit ansieht.

00:09:08: Wie stark nimmt ein Tumor die radioaktive Substanz potenziell auf?

00:09:12: Und dann muss natürlich schon entschieden werden: wenn der Tumor eher schwächer aufnehmen kann,

00:09:18: ob dann die nuklearmedizinische Therapie geeignet ist, oder ob man da nicht mit einer anderen Therapie den Tumor viel effektiver behandeln kann.

00:09:23: Das sind durchaus Entscheidungen, wo man verschiedene Aspekte berücksichtigt: das Tumorstadium des Patienten, die Vortherapien, aber auch wie gut der radioaktive Stoff aufgenommen werden kann.

00:09:34: D.h.,

00:09:34: es ist nicht ganz so einfach zu erkennen wahrscheinlich, und dafür braucht es dann Expertinnen und Experten. Es ist nicht so, dass Tumorzellen generell leuchten, sondern da gibt's wahrscheinlich Schattierungen – andere Krankheiten, die vielleicht auch leuchten könnten, oder?

00:09:46: Da gibt es zum einen Schattierungen zwischen den Tumoren, von sehr stark – auf jeden Fall für die Therapie geeignet – bis eher schwach.

00:09:55: Da muss man diskutieren, ob es Sinn macht.

00:09:56: Da gibt es gewisse Kriterien, die entwickelt worden sind, an denen man sich halten kann.

00:10:00: Wo es in der Tat einen Experten, einen Nuklearmediziner, braucht, um den anderen Kollegen im Tumorboard zu erklären, wie hoch die Erfolgsaussichten sind.

00:10:08: Gab es denn Momente in eurer Karriere, in denen ihr gedacht habt: okay, dafür mache ich diesen Job.

00:10:14: Das ist genau das Richtige – vielleicht ein Patient, der euch ganz besonders berührt hat?

00:10:19: Also wir haben einen sehr besonderen Patienten... Ich glaube, so besondere Patientengeschichten hat jeder von uns, weil man doch immer wieder Einzelfälle findet, die einen besonders berühren, die einen besonders bewegen.

00:10:29: Wir haben einen älteren Herrn mit einem Prostatakarzinom, der ein metastasiertes Leiden hatte.

00:10:35: Das heißt, er hatte schon Absiedlungen im Knochen, Tumormetastasen im Knochen, und er hatte die klassischerweise eingesetzte antihormonelle Therapie sehr schlecht vertragen.

00:10:42: Also er hatte darauf eine Depression entwickelt, auch mit einem Suizidversuch hinter sich, und wollte die antihormonelle Therapie auf keinen Fall mehr eingehen.

00:10:53: Er wurde von den Kollegen der Strahlentherapie intensiv bestrahlt und hat eine Rückkehr der Erkrankung erlebt, einfach, und war dann aus den Therapieoptionen herausgefallen, weil er für eine Chemotherapie nicht geeignet war.

00:11:02: Er ist einmal sehr individuell zu uns gekommen und ist dann mit dieser Radioligandentherapie für das Prostatakarzinom nach vier Gaben geheilt.

00:11:08: Und es ist jetzt fünf Jahre her, immer noch in der kompletten Remission.

00:11:11: Das kann man nicht verallgemeinern, aber das sind so einzelne Beispiele,

00:11:14: die haben schon Auftrieb gegeben oder einem nochmal den Sinn des Handelns näherbringen.

00:11:19: Ja, das glaube ich!

00:11:21: Wenn ich vielleicht noch ergänzen darf... In einem ähnlichen Fall, beziehungsweise vor über zehn Jahren, wurde die Methode der Behandlung des Prostatakarzinoms mit radioaktiven Stoffen in Deutschland entwickelt.

00:11:33: Verschiedene Kliniken auch im bayerischen Raum, wie München und andere, waren beteiligt, und wir wussten am Anfang natürlich nicht, wie effektiv die Therapie wirklich ist, als wir sie angewandt haben.

00:11:41: Und dann haben wir auch relativ am Anfang dieser Phase, wo wir die Therapien neu eingesetzt haben, einen Patienten erlebt, bei dem – wie Konstantin gerade erklärt hat – sich auf ein halbes Jahr die Tumorherde komplett zurückgebildet haben.

00:11:54: Und das war wirklich noch mal ein Signal und noch mal für uns ein Aha-Erlebnis.

00:11:59: Wir sind wirklich auf dem richtigen Weg.

00:12:00: Das ist eine Therapie, die den Patienten sehr viel helfen kann.

00:12:05: Das sind natürlich alles Ausnahmefälle.

00:12:07: Wir können mit unserer Therapie bei vielen Patienten die Erkrankung deutlich zurückdrängen.

00:12:12: Aber wir können sie nur in seltenen Fällen

00:12:14: heilen.

00:12:16: Es klingt jetzt erst einmal etwas demotivierend, wenn du das so sagst?

00:12:20: Krebszellen oder dass der Patient nicht geheilt werden kann – aber tatsächlich ist es ja wahrscheinlich auch schon ausreichend, die Zellen erstmal so in Schach zu halten,

00:12:28: dass ich trotzdem über die nächsten Jahre oder vielleicht auch Jahrzehnte weiterleben kann?

00:12:32: Ist das richtig oder ist es zu hochgegriffen?

00:12:34: Das Ziel ist schon auch eine Chronifizierung vielleicht der Erkrankung – also auch wenn man nicht heilen kann,

00:12:37: ist es möglich, sie in einen chronischen Prozess umzuwandeln bei einer guten Lebensqualität.

00:12:41: Ich glaube, es ist sehr wichtig für die Patienten, was wir in den Gesprächen mitbekommen.

00:12:45: Dass sie eigentlich lieber ein bisschen kürzer leben, wenn die Lebensqualität gut ist. Und ich glaube, das ist ein großer Vorteil unserer Therapien in der Nuklearmedizin, dass sie doch so gut verträglich sind, dass die Lebensqualität der Patienten sehr lange sehr sehr gut erhalten bleibt.

00:12:56: Und das ist, glaube ich, auch wenn man den Patienten nicht heilen kann, kann man zumindest versprechen, dass man eine ganz gute Chance hat, dass sich die Erkrankung chronifiziert oder dass man es zurückdrängt und dass man auch ein bisschen Zeit gewinnt in einer Zeit mit nahezu guter Lebensqualität.

00:13:07: Ich glaube, das ist ein guter Punkt, auch für mich selber vorstellbar.

00:13:12: Ist es denn so, dass ich als Patientin wiederkommen kann?

00:13:15: Also wenn ich zum Beispiel die erste Therapie ganz erfolgreich abgeschlossen habe, dann regelmäßig zum Scan kommen und man vielleicht sieht, okay,

00:13:22: die Tumorzellen wachsen wieder oder die Tumore – ist es da möglich, diese Therapie nochmal durchführen zu lassen?

00:13:28: Das ist auf jeden Fall möglich, je nachdem, für welche Tumorerkrankungen man in der Nuklearmedizin therapiert wird.

00:13:35: Bei einigen Tumorerkrankungen ist geplant, dass man mit einer Therapie behandelt wird und danach regelmäßig nachverfolgt wird.

00:13:43: Sollte die Erkrankung zurückkommen, kann man auf jeden Fall nochmal therapiert werden.

00:13:46: Bei anderen Therapieformen ist sowieso geplant, dass man mindestens vier bis sechs mal behandelt wird, und dass man danach nachsieht, wie gut der Tumor angesprochen hat, beziehungsweise auch in der Therapiepause den Patienten weiter überwacht – weil man Scans macht, wie du gesagt hast – und sollte sich der Tumor dann wieder zeigen, dass er wächst, dann kann man die Therapien auch wiederholen.

00:14:05: Das heißt, in welchen Abständen müssen da die Untersuchungen gemacht werden?

00:14:08: Also wie oft muss ich dann wieder ins Krankenhaus oder zum Arzt gehen?

00:14:11: Bei der Behandlungsform, die Matthias erwähnt hat, indem man vier bis sechs mal kommt, ist man alle sechs Wochen oder alle acht Wochen für die Therapiezyklen da. Also ein großer Therapieblock besteht dann aus vier bis sechs Einheiten im Sechs- bis Acht-Wochen-Rhythmus.

00:14:23: Danach ist man so alle drei Monate erst einmal zum Scanner. Wenn das dann lange stabil ist, vielleicht auch alle sechs Monate.

00:14:30: Das muss man dann auch interdisziplinär wieder entscheiden, also wie weit man da das Kontrollintervall macht, was der Patient möchte, wie es ihm geht, wie die Gesamtgemengelage ist.

00:14:39: Aber das sind ungefähr so die Zeitfenster, die man beachten sollte.

00:14:43: Jetzt hat sich ja in diesem Gebiet in den letzten Jahren wahnsinnig viel getan.

00:14:46: Wenn wir mal zehn Jahre zurückblicken – was erwartest du, Matthias, für die nächsten Jahre?

00:14:50: Also was kommt noch?

00:14:53: Ich denke, man kann als große Überschrift festhalten: die Erfolge, die wir in den letzten zehn Jahren gesehen haben,

00:15:02: die haben gezeigt, was man mit radioaktiven Medikamenten sehr gut tun kann – Tumore, sowohl gutartige oder relativ gutartige als auch sehr aggressive, wie das fortgeschrittene Prostatakarzinom, behandeln kann.

00:15:13: Das heißt, das Prinzip der Behandlung mit radioaktiven Stoffen ist jetzt wirklich sehr fest in der Medizin verankert.

00:15:20: Die Therapie mit radioaktiven Medikamenten ist jetzt ein essenzieller Baustein der Krebsmedizin geworden.

00:15:25: Und darauf basierend werden jetzt bei vielen anderen Krebserkrankungen, mit vielen neuen Medikamenten, Studien gemacht, um diese Medikamente auch in Patienten zu bringen und um zu beweisen, dass diese Medikamente auch bei anderen Krebserkrankungen wirken können.

00:15:43: Da bin ich sehr zuversichtlich – wenn wir in fünf Jahren wieder hier sitzen sollten, dann über viele andere Tumorerkrankungen sprechen können,

00:15:52: die mittlerweile auch Standard geworden sind, dass man sie nuklearmedizinisch behandeln kann.

00:15:56: Also zusammenfassend – nachdem wir jetzt alles gehört haben: Ist die Theranostik, die Nuklearmedizin, ein Meilenstein, auf den die Medizin gewartet hat?

00:16:04: Kann man das so sagen?

00:16:08: Es ist ein großer Schritt vorwärts, weil wir doch sehr zielgerichtete, sehr schonende Therapien haben.

00:16:11: Ich glaube, in Zukunft vielleicht auch in Kombination mit klassischen Therapien, also mit Chemotherapeutika und mit Immuntherapien, die ja sehr im Kommen sind.

00:16:17: Also da gibt es viele spannende grundlagenwissenschaftliche Signale, dass das eine gute Kombination für Patienten sein könnte.

00:16:24: Da haben wir die Langzeiterfahrung noch nicht, aber ich denke, in Zukunft

00:16:28: ist es, glaube ich, ein sehr wesentlicher neuer Baustein, der vielen Patienten auch Linderung verschaffen kann.

00:16:33: Also in dem Sinne können wir das schon als Meilenstein titulieren, oder Matthias?

00:16:36: Würde ich auf jeden Fall komplett unterstreichen. Zielgerichtete Therapie und geringe Nebenwirkungen.

00:16:40: Aber ich glaube, das ist, was die Nuklearmedizin und die Theranostik auszeichnet.

00:16:45: Das heißt, die Theranostik vereint das Beste aus zwei Welten.

00:16:48: Also sie zeigt uns nicht nur, wo ein Tumor sitzt – sie bekämpft ihn gleichzeitig gezielt und schonend!

00:16:54: Ein Prinzip, das die Krebsmedizin grundlegend verändert und vielen Patienten neue Hoffnung gibt.

00:17:00: Weitere Infos zum Thema gibt's wie immer in den Shownotes dieser Folge. Und damit danke ich euch, Constantin und Matthias, für eure Einschätzung.

00:17:09: Danke Ihnen fürs Zuhören!

00:17:11: In der nächsten Folge sprechen wir über die PET-CT – das ultimative Navigationssystem der modernen Medizin.

00:17:18: Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute.

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