Präzisionswaffe gegen Prostatakrebs? Die Radioligandentherapie
Shownotes
Gäste:
Dr. med. Helen Scholtissek, Universitätsklinikum Augsburg
Luisa Willner, Technische Universität München (TUM)
Beschreibung:
Die Radioligandentherapie ist eine Behandlungsmethode, die beim fortgeschrittenen Prostatakrebs gezielt an Tumorzellen andockt und diese von innen bestrahlt. In dieser Folge erklären Dr. med. Helen Scholtissek und Luisa Willner, wie die Therapie funktioniert, wer dafür in Frage kommt und welche Nebenwirkungen auftreten können. Sie sprechen außerdem darüber, was Patienten vor, während und nach der Behandlung erwartet – und ob das Verfahren auf andere Krebsarten übertragbar ist.
Links:
Bayerisches Zentrum für Krebsforschung (BZKF)
Radioligandentherapie
https://de.wikipedia.org/wiki/Radioligandentherapie
Prostatakrebs
https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/
PET-CT
https://www.krebsinformationsdienst.de/untersuchung/bildgebung/pet.php
Universitätsklinikum Augsburg
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München
Chemotherapie
https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/chemotherapie/
Hormontherapie bei Prostatakrebs
https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/hormontherapie/
Strahlentherapie
https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/strahlentherapie/
Transkript anzeigen
00:00:02: Theranostik
00:00:03: und
00:00:04: Nuklearmedizin einfach erklärt.
00:00:08: Ein
00:00:08: Podcast des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung.
00:00:14: Ist die Radioligandentherapie die Präzisionswaffe bei fortgeschrittenem Prostatakrebs?
00:00:20: Dieser Frage wollen wir heute auf den Grund gehen, damit herzlich willkommen zu unserem Podcast.
00:00:28: Und dazu begrüße ich Dr. Helen Scholtissek, Ärztin in der Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, und Luisa Willner, Ärztin in der Nuklearmedizin am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.
00:00:41: Herzlich willkommen, schön dass ihr da seid!
00:00:43: Ja vielen Dank!
00:00:45: Bevor wir jetzt tiefer einsteigen, lasst uns den Begriff erst einmal klären.
00:00:49: Also was verbirgt sich hinter der Radioligandentherapie?
00:00:54: Unter einer Radioligandentherapie verstehen wir im Endeffekt eine relativ zielgerichtete Therapie.
00:01:00: Wir haben ein kleines Molekül, was wir den Patienten applizieren können in Form einer Infusion zum Beispiel, und dieses Molekül schwimmt dann sozusagen im Körper rum – durch den Bluttransport – zu diesen Zielstrukturen auf der Zelle.
00:01:17: Auf einer Krebszelle oder auf der Zellstruktur, die wir therapieren wollen, und damit können wir es sichtbar machen, zum Beispiel in einer PET-CT – oder so verbinden wir das dann mit einem quasi diagnostischen radioaktiven Stoff, der da dran klebt.
00:01:30: Ja, weil sonst würden wir nicht sehen, wo dieses Molekül an der Zelle angekommen ist.
00:01:37: Und wenn wir in der Bildgebung gesehen haben, dass es dort auf der Zelle ankommt, können wir quasi genau das gleiche Molekül nehmen, eine andere Radioaktivität dranhängen, die dann zum Beispiel eine therapeutische Funktion für uns erfüllen soll – und weil wir vorher gesehen haben in der Diagnostik,
00:01:51: dass es dort auf der Zelle ankommt,
00:01:53: können wir diesen Tracer austauschen, dieses radioaktive Molekül.
00:01:56: Dann können wir es wieder dem Patienten injizieren, und dann kommt es eben im gleichen System auf der gleichen Tumorzelle, der Zielzelle, an und können dadurch diese Bestrahlung von der Zielstruktur sozusagen initiieren.
00:02:14: Das heißt, es wird nicht der ganze Körper behandelt, sondern ich muss mir das vorstellen wie so einen kleinen Postboten, der im Körper unterwegs ist und nur an den Zellen anhält, die wirklich vom Krebs befallen sind, und auch nur die Zellen behandelt?
00:02:27: Genau, also in der Theorie, sag ich jetzt mal, schon. Natürlich haben wir eine Ganzkörperverteilung dadurch, dass wir das ja in die Vene injizieren – es fließt sozusagen schon einmal durch den gesamten Körper durch.
00:02:38: Aber haften bleibt es nur dort, wo diese Zielstruktur wirklich vorhanden ist.
00:02:42: Das ist natürlich nicht immer nur die Tumorstruktur, aber so spezifisch wie möglich für den Tumor angepasst, und alles andere, was nicht andockt oder kleben bleibt, wird wieder ausgeschieden und verlässt den Körper dann wieder.
00:03:00: Dieses Prinzip „See what you treat and treat what you see" – was bedeutet das eigentlich?
00:03:04: Gerade in diesem Zusammenhang der Radioligandentherapie.
00:03:08: Ich denke, wie Helen gerade schon erklärt hat, haben wir immer für unsere Behandlung als Voraussetzung einmal die Bildgebung.
00:03:14: Also wir schicken alle unsere Patientinnen zunächst mal in eine Bildgebung, eine PET-CT, und werden auch noch genauer darauf zu sprechen kommen später, um zu schauen, ob diese Zielstruktur, die wir als Target nutzen, auf der Tumorzelle überhaupt vorhanden ist.
00:03:26: Das heißt, den Begriff „treat what you see and see what you treat" kann man sich so erklären:
00:03:31: Wir wollen herausfinden, ist diese Zielstruktur vorhanden.
00:03:35: Und wenn ja, eignet sie sich für eine Therapie, die wir dann in der Radioligandentherapie eben mit einem therapeutischen Strahler so einsetzen?
00:03:43: Und dann wiederum nutzen wir auch die Bildgebung, um nachzuverfolgen, ob unsere Therapie wirksam ist.
00:03:47: Also wir wollen herausfinden, wie viel Tumormasse es vor der Behandlung gab, und wenn die Behandlung eingesetzt wurde, reduziert sich die Tumormasse dann auch sichtbar in der PET-CT.
00:03:56: Das klingt jetzt ja auf den ersten Blick total innovativ, also dass wirklich nur die Krebszellen behandelt werden.
00:04:02: Aber für wen kommt diese Therapie überhaupt infrage?
00:04:05: Also woher weiß ich, ob das für mich eine Möglichkeit ist?
00:04:09: Generell ist es eine Behandlung, die für Patienten geeignet ist, die sich im eher fortgeschrittenen Stadium einer Prostata-Krebserkrankung befinden.
00:04:17: Bei den zugelassenen Medikamenten, die wir aktuell zur Verfügung haben, muss man beachten, dass zwei Voraussetzungen für die Patienten erfüllt sein müssen – also sie müssen die Standardtherapien bis zu diesem Zeitpunkt durchlaufen haben und zu dem Zeitpunkt eben einen Progress der Erkrankung haben.
00:04:32: Das bedeutet einmal eine erweiterte Hormontherapie, also eine Hormonentzugstherapie für das Prostatakarzinom, gehabt haben und auch eine Chemotherapie, unter der der Krebs fortgeschritten ist.
00:04:43: Und dann kann man mit seinem Urologen, oder auch wenn der Fall im Tumorboard besprochen wird, entscheiden, ob so eine Radioligandentherapie für den Patienten infrage kommt.
00:04:52: Welche Vorteile hat diese Therapie?
00:04:54: Genau, also natürlich ist ein Vorteil dieser Therapie – es ist eine relativ neue Form –,
00:04:59: dass eben Patienten, die ein fortgeschrittenes Leiden haben und schon die Standardtherapien durchlaufen haben und darauf nicht mehr ansprechen, dass wir überhaupt noch eine Therapieoption haben – das ist natürlich schon ein sehr wichtiger Punkt.
00:05:10: Und auch weil wir uns in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung befinden, haben die Patienten ja Metastasen, häufig leider an verschiedenen Orten im Körper – manchmal auch in den Lymphknoten, in den Organen, in den Knochen.
00:05:22: Und was natürlich das Schöne ist an unserer Therapie, dass wir eine Infusion geben können und wirklich alle Krebszellen oder alle Läsionen, die dieses Eiweiß dann exprimieren, im Endeffekt
00:05:34: alle getroffen werden, obwohl wir nur einmal eine Therapie geben
00:05:38: müssen.
00:05:38: Das klingt ja eigentlich wie eine Wunschvorstellung, die man wahrscheinlich immer hatte – wie ein absoluter Durchbruch in der Krebstherapie.
00:05:45: Kann man das als das bezeichnen?
00:05:47: Oder gibt es bei der Behandlungsform Grenzen?
00:05:50: Ich denke, für das Prostatakarzinom war das schon ein gewisser Durchbruch.
00:05:54: Diese neuartige Behandlung – denn viele der Patienten, die unter den Standardtherapien sozusagen einen Krankheitsprogress haben, stehen dann zum Teil auch mit dem Rücken an der Wand.
00:06:03: Krankheitsprogress heißt, dass es immer wieder neue Metastasen gibt?
00:06:06: Genau, also... unter den Standardtherapien schreitet die Erkrankung fort.
00:06:10: Man kann da sehen, dass sowohl der Tumormarker, den es für den Prostatakrebs gibt, ansteigt als auch in der Bildgebung sieht man eben, dass sich neue Metastasen ausbilden oder die vorhandenen Metastasen zunehmen.
00:06:20: In gewisser Form war es also ein Durchbruch, hier eine neuartige Therapie zu haben – das ist auf jeden Fall richtig!
00:06:25: Aber muss sagen, dass die Radioligandentherapie in diesem Krankheitsstadium ihre Grenzen hat.
00:06:30: Also es ist kein heilbares Krankheitsstadium.
00:06:33: Man kann den Patienten mit der Behandlung eine Lebenszeitverlängerung unter Umständen geben und auch eine Lebensqualitätsverbesserung.
00:06:40: Also wir können erwarten, dass Patienten, die beispielsweise Schmerzen aufgrund von Knochenmetastasen haben, auch insofern von der Therapie profitieren, dass nicht nur das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt wird, sondern auch Schmerzen besser werden durch die Behandlung.
00:06:55: Wir haben es ja vorhin schon so ein bisschen angesprochen, aber vielleicht könnt ihr es noch mal erklären.
00:06:58: Also wo liegen jetzt eigentlich die Hauptunterschiede im Vergleich zur Chemotherapie oder zur Bestrahlung?
00:07:04: Genau, also ich denke mal so ein Hauptunterschied ist natürlich einmal: Wir haben eine radioaktive Strahlung, das heißt, es ist irgendwo auch eine gewisse Art der Strahlentherapie. Und der Unterschied bei der antihormonellen Therapie ist: Da versuchen wir sozusagen mit Medikamenten dem Mann die Hormone zu entziehen,
00:07:22: damit der Tumor seine Wachstumskraft nicht bekommt oder verliert – das ist quasi der Angriff der antihormonellen Therapie.
00:07:30: Dann der Angriff der Chemotherapie:
00:07:32: Ja, dass es quasi toxisch wirkt auf Zellen, die sich schnell teilen.
00:07:38: Das heißt, wir haben natürlich bei Zellen, die sich schnell teilen – was auch beim Krebs der Fall ist –, gehen diese Zellen zugrunde.
00:07:44: Wir haben eine sehr hohe systemische Wirksamkeit dadurch.
00:07:52: Aber eben auch der Nachteil, den man kennt, ist, dass eben auch gesunde Zellen, die sich schnell teilen, wie Haarfollikel
00:07:58: etc.,
00:07:59: Darmzellen mit angegriffen werden.
00:08:02: Und wir haben bei unserer Radioligandentherapie den Weg der Bestrahlung.
00:08:09: Das heißt, wir haben für die Tumorzellen, die sich auf Dauer ja auch verändern und mutieren, die resistent werden können gegen die anderen beiden Mechanismen, quasi einen neuen Angriffspunkt: Wie wir mit einer Bestrahlung, die über längere Zeit stattfindet, einen anderen Angriffsort haben, um die Metastasen anzugehen, den Krebs anzugehen und den nochmal neu zu fordern, in der Hoffnung, dass er dadurch eben wieder zurückgedrängt wird.
00:08:31: Und wenn jetzt alle Voraussetzungen erfüllt sind und der Mann für diese Radioligandentherapie infrage kommt und sich im Krankenhaus anmeldet –
00:08:39: Wie geht es dann weiter?
00:08:42: Also bei uns im Klinikum rechts der Isar läuft das in der Regel so ab, dass die Patienten alle sechs Wochen zu einer Infusionstherapie zu uns kommen.
00:08:50: Das ist ein stationärer Aufenthalt.
00:08:52: Das hat Strahlenschutzgründe.
00:08:53: Da können wir später noch darüber sprechen – wo man zwei Nächte im Krankenhaus verbleiben muss.
00:08:58: Am ersten Tag, also am Aufnahmetag, läuft es bei uns so ab, dass die Patienten einen venösen Zugang bekommen.
00:09:03: Darüber wird später die Therapie appliziert.
00:09:06: Man macht eine Blutentnahme, um zu schauen, ob auch von den Organwerten und den Blutwerten alles in Ordnung ist und die Therapie auch an dem Tag durchgeführt werden kann.
00:09:15: Und dann gibt es als Infusionslösung diese radioaktive Behandlung.
00:09:21: Wie oft muss ich wiederkommen?
00:09:22: Also wie sehen denn die Zyklen aus?
00:09:25: Alle sechs Wochen in der Regel.
00:09:27: Es gibt auch mal Fälle, da macht man das vielleicht schon nach fünf Wochen oder nach sieben Wochen.
00:09:31: Das kann man auch machen, aber bei uns ist der Standard, dass alle sechs Wochen eine Behandlung gemacht wird und man in der Regel bis zu sechs Zyklen plant mit den Patienten.
00:09:41: Es gibt Fälle, da muss man die Therapie vorher abbrechen, beispielsweise weil der Patient es vielleicht nicht gut verträgt oder die Behandlung nicht angeschlagen hat.
00:09:49: Es gibt aber auch Fälle, die sehr gut auf die Therapie ansprechen, wo die Tumormasse deutlich reduziert werden kann, und bei guter Verträglichkeit die Behandlung sogar über sechs Mal hinaus fortgeführt werden kann.
00:09:59: Das haben wir auch.
00:10:01: Könnt ihr da so eine Hausnummer nennen?
00:10:02: Also wie viele Patienten sprechen auf diese Behandlung an?
00:10:05: Bei wie vielen klappt das ganz gut?
00:10:07: Es gibt also eine Drittelregel, an der man sich orientieren kann.
00:10:13: Das erkläre ich auch den Patienten so.
00:10:15: Man kann sich vorstellen, dass ein Drittel der Patienten leider auf die Behandlung nicht anspricht.
00:10:21: Nach zwei Zyklen nimmt die Tumormasse in der Bildgebung zu.
00:10:25: Den Patienten geht es auch nicht besser.
00:10:27: Und auch der Tumormarker, den wir beim Prostatakrebs haben, spricht nicht an, sondern steigt weiter.
00:10:32: Das betrifft ein Drittel der Patienten.
00:10:34: Die anderen beiden Drittel gehören zu unserem Ziel sozusagen, also zu denen, die ansprechen. Ein Drittel davon zeigt in der Bildgebung zumindest einen stabilen Befund, also dass die Krankheit im Wachstum zunächst aufgehalten ist.
00:10:49: Und das letzte Drittel der Patienten zeigt tatsächlich ein so gutes Ansprechen, dass man sieht, dass die Tumormasse auch zurückgedrängt wird und auch der PSA-Wert abnimmt.
00:10:58: Den Patienten geht es besser, sie haben eine Schmerzkontrolle.
00:11:01: Also so kann man sich das ungefähr einteilen.
00:11:04: Jetzt habt ihr anfangs gesagt, dass diese Methode die Lebenszeit verlängert –
00:11:12: eine Heilung ist damit nicht möglich?
00:11:14: Genau, das Ziel ist, dass die Patienten kommen und dass wir die Patienten therapieren können.
00:11:20: Man wünscht sich dadurch natürlich, den Tumor zurückzudrängen, was einerseits, wenn Patienten symptomatisch sind, natürlich die Lebensqualität verbessern kann – und das auch signifikant –, weil eben auch die Patienten zwischen den Therapien – also die Therapie ist doch relativ nebenwirkungsarm, zumindest häufig, was die direkten Nebenwirkungen während der Therapie angeht – die Lebensqualität relativ gut ist für die Patienten oder besser wird.
00:11:44: Und das zweite ist, dass wir schon eine gewisse Lebenszeitverlängerung haben.
00:11:49: Das ist natürlich immer sehr individuell, je nachdem in welchem Stadium die Patienten zu uns kommen.
00:11:55: Was die Ausgangsbedingungen sind, sag ich jetzt mal – dass wir schon eine gewisse Lebensverlängerung
00:12:00: auch
00:12:01: erreichen können.
00:12:03: Aber eine Heilung ist einfach durch die Therapie nicht möglich.
00:12:08: Wenig Nebenwirkungen, sagst du. Es gibt aber trotzdem welche.
00:12:11: Welche sind das zum Beispiel?
00:12:12: Genau, also die Hauptnebenwirkungen sind einerseits... Also weil wir das Ganze ja – wie wir schon gesagt haben – in die Vene geben, heißt das, diese Strahlung kursiert natürlich einmal durch den ganzen Körper.
00:12:20: D.h. der ganze Körper bekommt natürlich irgendwo eine Strahlenexposition ab.
00:12:23: Das muss man natürlich wissen.
00:12:24: Und wenn man jetzt viele Knochenmetastasen hat, oder auch weil das Blut ja durch das Knochenmark hindurchläuft, kann das zu einer quasi Knochenmarksuppression führen, wodurch die Blutbildung verschlechtert wird durch die Bestrahlung des Knochenmarks sozusagen.
00:12:38: Dann – was eine weitere Nebenwirkung ist – das Ganze wird durch die Nieren wieder ausgeschieden, und d.h.
00:12:42: auch die Nieren bekommen schon eine Strahlenexposition ab.
00:12:45: Also sie werden eben bestrahlt, und längerfristig kann die Nierenfunktion darunter leiden – was auch so eine Nebenwirkung ist, die man glaube ich nicht unterschätzen darf.
00:12:57: Man weiß das eben auch:
00:12:58: Die Speicheldrüsen exprimieren diesen Rezeptor, an dem wir angreifen sozusagen – also diese Oberflächenstruktur, an der wir angreifen.
00:13:06: Das heißt, dass auch die Speicheldrüsen mit bestrahlt werden und auch eine gewisse Mundtrockenheit über den Verlauf der Zeit eintreten kann.
00:13:13: Aber das sind so die häufigsten Nebenwirkungen.
00:13:15: Was wir akut manchmal sehen: Übelkeit kann manchmal akut auftreten.
00:13:21: Habe ich jetzt eben bei Patienten auf unserer Station auch häufiger gesehen, aber ich würde sagen, das sind so die relevantesten Nebenwirkungen, die wir haben.
00:13:30: Und wie sieht es mit dem Immunsystem aus?
00:13:32: Gerade bei der Chemotherapie wird das ja ziemlich belastet.
00:13:34: Ist das in diesem Fall auch
00:13:36: so?
00:13:36: Helen hat schon gesagt, dass es zu einer Knochenmarksuppression kommen kann, also dass man die Knochenmarkfunktion einschränkt durch die radioaktive Strahlung.
00:13:45: Es gehören drei Zellreihen eigentlich zu dem, was das Knochenmark bildet.
00:13:48: Das sind die roten Blutkörperchen, die weißen Blutkörperchen und die Blutplättchen.
00:13:52: Und theoretisch kann man sich vorstellen, dass alle drei Reihen in ihrer Produktion abnehmen können.
00:13:57: Wenn ich also zu wenig rote Blutkörperchen habe, dann hab' ich eine Blutarmut.
00:14:01: Das kann belastend sein!
00:14:03: Wenn ich zu wenig Blutplättchen habe, kann ich eine Gerinnungsstörung bekommen – und wenn ich zu wenige weiße Blutkörperchen habe, kann auch meine Infektabwehr sinken.
00:14:12: Also das sind alles drei potenzielle Nebenwirkungen, die wir aber in der Regel nicht nach einem Therapiezyklus sehen, sondern wirklich für Patienten relevant sind, die viele dieser Therapiezyklen bekommen und kumulativ sozusagen schon eine relativ große Gesamtdosis auf dem Körper und auch dem Blutbild und dem Knochenmark bekommen
00:14:32: haben.
00:14:33: Ich kann mir vorstellen, dass das aber dann immer überwacht wird und dann weiter entschieden wird, ob es noch Sinn macht, die Therapie fortzusetzen, oder...
00:14:39: Genauso ist es.
00:14:40: Wir empfehlen unseren Patienten zwischendurch auch Laborkontrollen beim Hausarzt oder bei einem behandelnden Urologen oder Onkologen zu machen und uns sie auch zuzuschicken, damit eben die Voraussetzungen für den nächsten Therapiezyklus klar sind, dass wir den durchführen können.
00:14:54: Und auch jedes Mal, wenn die Patienten bei uns wieder stationär auftauchen, machen wir Laborkontrollen und beurteilen dort den Verlauf von diesen Blutwerten.
00:15:01: Nachdem ich diese Infusion dann bekommen habe, bin ich ja erstmal radioaktiv.
00:15:04: Das habt ihr ja gesagt.
00:15:05: Das heißt, dann darf mich auch erst mal niemand besuchen.
00:15:07: Oder wie sind da die Sicherheitsvorkehrungen in der Klinik?
00:15:10: Genauso ist es, also das ist ein radioaktiver Kontrollbereich, die Station in diesem Fall.
00:15:15: Das bedeutet, hier darf normales Nicht-Personal sich auch nicht aufhalten, sondern nur Patienten, die wirklich eine radioaktive Behandlung bekommen haben.
00:15:23: Es hat den Grund, dass die Strahlung, die auch nach außen abgegeben wird von Patienten, relativ groß ist und man die Umwelt oder – ich sag mal – die normale Bevölkerung so salopp davor schützen möchte.
00:15:34: Der Großteil von dem radioaktiven Medikament, der jetzt quasi nicht an die Tumorzellen gebunden hat,
00:15:39: der wird wieder ausgeschieden von den Patienten – wie Helen schon gesagt hat, vor allem über die Nieren, das heißt mit dem Urin ausgeschieden.
00:15:45: Aber auch das, was sich dann im Körper speichert, gibt noch zu einem gewissen Grad Strahlung nach außen ab.
00:15:51: Das heißt, nicht nur der Besuch auf der Station ist ein bisschen einschränkend für die Patienten, sondern auch unsere Empfehlung immer für die paar Tage danach:
00:15:59: Dass man da auch noch ein bisschen darüber hinaus Abstand halten sollte, gerade zu schützenswerten Personengruppen – das sind insbesondere Kleinkinder und schwangere Frauen.
00:16:07: Das heißt nicht, dass man da seine Familie dann nicht treffen darf in der Woche nach der Behandlung, sondern dass man einfach ein bisschen achtsam damit umgehen muss und jetzt vor allem diesen engen Körperkontakt über längere Zeit – denn die Strahlung häuft sich ja an mit der Zeit sozusagen.
00:16:22: Den sollte man dann nach der Therapie noch etwas zu Hause im häuslichen Umfeld meiden – also nicht in einem Bett schlafen beispielsweise mit den Enkelkindern. Das sind so die Szenarien, die man vermeiden sollte.
00:16:32: Wenn ihr sagt, die Strahlung wird vor allem über den Urin ausgeschieden – muss ich auch eine andere Toilette benutzen?
00:16:38: Oder wenn möglich ein zweites Bad, wenn es die Voraussetzungen gibt?
00:16:42: Das ist eher so, dass wir tatsächlich in der Klinik – der Großteil geht in den ersten vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden aus dem Körper raus.
00:16:51: Wir haben tatsächlich für die Patienten, die bei uns im Kontrollbereich sind,
00:16:53: ein getrenntes Abwassersystem zum restlichen Krankenhaus, was im Keller gelagert wird, bis es die Strahlengrenzen unterschreitet, und das ist eben auch ein Grund, warum die Patienten stationär bleiben sollen, dass eben der Großteil der Ausscheidung in der Klinik passiert, wo das unter kontrollierten Bedingungen gelagert und abklingen kann.
00:17:12: Wenn die nach Hause gehen, geht immer noch ein bisschen was raus.
00:17:15: Das ist aber wie gesagt – der Großteil geht eben in den ersten vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden raus.
00:17:19: Das heißt, sie müssen jetzt zu Hause keine getrennte Toilette oder sowas benutzen – das wäre dann eher noch relevant, wenn sie externe Beutel haben oder eine externe Urinableitung. Genau,
00:17:30: sonst muss man da zu Hause eigentlich nichts Großes weiter beachten.
00:17:35: Wir empfehlen unseren Patienten eigentlich auch keine getrennte Badnutzung oder so.
00:17:39: Was sind denn...
00:17:39: Ich glaube, man muss sie halt sensibilisieren dafür.
00:17:41: Das ist eine besondere Therapie in irgendeiner Form.
00:17:44: Weil Radioaktivität kann man nicht sehen, nicht riechen und nicht schmecken etc.
00:17:48: Und da muss man dann besonders auf Händehygiene achten.
00:17:50: Das gilt sowohl für den stationären Aufenthalt, wenn man die Toilette benutzt, als auch noch in den ersten Tagen danach – aber nichts so weit, dass man jetzt sagen würde, sie müssen ein anderes Badezimmer oder eine andere Toilette benutzen.
00:18:01: Muss ich sonst irgendwas in den Tagen danach beachten – dass ich mich vielleicht anders ernähren muss oder meine körperliche Bewegung einschränken muss?
00:18:08: Oder weniger Sport machen.
00:18:09: Oder nicht in die Sauna gehen.
00:18:11: Gibt es da Sicherheitsvorkehrungen, die ihr den Patienten mitgebt?
00:18:15: Also ich weiß nicht, was ihr euren Patienten empfehlt.
00:18:17: Die – man muss fairerweise sagen – haben eine eher ältere Patienten-Klientel.
00:18:21: Der stellt dann vielleicht nicht die Fragen nach dem Leistungssport.
00:18:26: Aber wir haben durchaus Patienten, die natürlich fit sind und das vielleicht machen möchten.
00:18:30: Ich würde immer sagen: Was man sich zutraut,
00:18:33: das kann man machen.
00:18:33: Also es gibt keine Einschränkungen durch die Radioligandentherapie
00:18:36: jetzt für den Alltag oder für die Hobbys – man muss eben auf seinen eigenen Körper ein bisschen gucken, was man sich zutrauen kann.
00:18:43: Generell gilt natürlich für dieses Patienten-Klientel, sage ich mal, dass bei Knochenmetastasen man insgesamt mit der körperlichen Belastung halt etwas achtgeben muss.
00:18:52: Aber das hängt dann denke ich mit der Grunderkrankung zusammen und weniger mit der radioaktiven Behandlung.
00:18:58: Was die Ernährung betrifft, gibt es eigentlich keine Einschränkungen.
00:19:01: Was wir immer empfehlen – und das hat auch mit der Ausscheidung über die Niere zu tun –, dass man sich ausreichend hydriert, also viel trinkt, insbesondere auch während der Behandlung.
00:19:10: Wir geben auch oft – nicht regelhaft intravenöse Flüssigkeit – aber zusätzlich dazu, damit der Strahler, der eben nicht an den Krebszellen hängen geblieben ist, so möglichst schnell wieder aus dem Körper ausgeschieden wird und nicht so lange dort verweilt und die gesunden Zellen mit bestrahlt.
00:19:26: Aber ansonsten gibt's für die Ernährung keine Einschränkungen.
00:19:29: Jetzt haben wir vor allem über die Radioligandentherapie bei fortgeschrittenem Prostatakrebs gesprochen, aber weil diese Methode natürlich ein großer Durchbruch sein könnte oder eine große Errungenschaft ist – ist sie auch möglich für andere Krebsformen, oder in Zukunft denkbar?
00:19:46: Wie ist da deine Einschätzung?
00:19:48: Ja, auf jeden Fall.
00:19:48: Also das ist ein sehr stark beforschtes Thema, und man versucht – wir haben vorhin den Begriff der Radioligandentherapie versucht zu erklären –
00:19:56: man versucht dieses Prinzip auch auf andere Zielstrukturen zu übertragen und auch bei anderen Krebsarten Oberflächeneiweiße auf den Krebszellen zu identifizieren, die als potenzielle Zielstruktur eben dienen können.
00:20:08: Da gibt es Forschung zum Beispiel zum Mammakarzinom, aber auch zum Glioblastom gibt es Studien, die diese Radioligandentherapie durchführen, aber auch darüber hinaus viele weitere Tumorarten, in denen das aktuell sehr stark beforscht wird.
00:20:20: Also dass das Prinzip der Radioligandentherapie sich – das ist ja der Wunsch der Mediziner – auf andere Krebsarten ebenfalls übertragen lässt.
00:20:30: Jetzt habe ich eingangs die Frage gestellt – Ist die Radioligandentherapie die Präzisionswaffe bei fortgeschrittenem Prostatakrebs?
00:20:38: Ganz kurz in einem Satz?
00:20:39: Was würdest du dazu sagen?
00:20:42: Präzisionswaffe in der Hinsicht?
00:20:43: Ja, weil wir sehr präzise sind.
00:20:47: Vielleicht ist Waffe ein bisschen zu stark ausgedrückt, weil man damit denken könnte:
00:20:51: Man kann alles zerstören. An dem Punkt sind wir nicht.
00:20:53: Das können wir nicht versprechen.
00:20:55: Aber es ist eine zielgerichtete weitere Möglichkeit, Patienten mit einem fortgeschrittenen Tumorleiden eine Möglichkeit der Lebensverlängerung und der Lebensqualität zu geben.
00:21:07: Luisa, deine Einschätzung?
00:21:09: Ich finde Präzisionswaffe eigentlich ganz gut, weil wir kennen bisher Chemotherapie.
00:21:13: Wir kennen Bestrahlung – und das eine wirkt quasi zu breitflächig, das andere wirkt zu spezifisch.
00:21:18: Daher finde ich die Radioligandentherapie als so zielgerichtete interne Bestrahlung – eigentlich kann man sie mit Präzisionswaffe ganz gut zusammenfassen.
00:21:27: Okay, das heißt, die Radioligandentherapie kann tatsächlich gute Erfolge erzielen.
00:21:31: Das Wachstum der Metastasen hemmen und so zu einer Lebenszeitverlängerung beitragen.
00:21:36: Weitere Infos zum Thema gibt es auch in den Shownotes zu dieser Folge, und damit danke ich euch, Helen und Luisa, für eure Erklärungen und die Einschätzung!
00:21:43: Und danke Ihnen fürs Zuhören und Zuschauen!
00:21:46: In der nächsten Folge sprechen wir über die Behandlung von neuroendokrinen Tumoren in der Nuklearmedizin.
00:21:52: Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute, bis dann!
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