Neuroendokrine Tumore, gezielte Hilfe
Shownotes
Gäste:
PD Dr. med. Adrien Holzgreve, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
Michael Gammel, Technische Universität München (TUM)
Beschreibung: Neuroendokrine Tumore werden oft erst spät erkannt, weil ihre Symptome unspezifisch sind. In dieser Folge erklären PD Dr. med. Adrien Holzgreve und Michael Gammel, wie die Nuklearmedizin sowohl bei der Diagnose als auch bei der Behandlung hilft. Sie gehen auf die Bildgebung, die Peptidrezeptor-Radionuklidtherapie (PRRT) und individuelle Therapieentscheidungen ein – und zeigen, was Betroffene und Angehörige konkret erwarten können.
Links:
Bayerisches Zentrum für Krebsforschung (BZKF)
Neuroendokrine Tumoren (NET)
https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/neuroendokrine-tumoren/index.php
Nuklearmedizin
https://www.dgmn.de/was-ist-nuklearmedizin.html
Theranostik
https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/theranostik.php
Peptidrezeptor-Radionuklidtherapie (PRRT)
https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/peptidrezeptor-radionuklid-therapie.php
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin
https://www.nuklearmedizin.med.uni-muenchen.de/
Technische Universität München (TUM), Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin
https://www.nuklearmedizin.mri.tum.de/
Tumorboard
https://www.krebsinformationsdienst.de/untersuchung/tumorboard.php
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00:00:00: Diagnose neuroendokriner Tumor.
00:00:03: Was passiert, wenn eine Erkrankung, die sich womöglich länger versteckt gehalten hat, plötzlich sichtbar wird?
00:00:09: Heute wollen wir besprechen, welche Rolle die Nuklearmedizin in der Behandlung neuroendokriner Tumore spielt.
00:00:23: Und dazu begrüße ich PD Dr. Adrien Holzgreve, Nuklearmediziner an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Michael Gammel, Nuklearmediziner an der Technischen Universität München.
00:00:35: Ganz herzlich willkommen!
00:00:36: Schön, dass ihr da seid.
00:00:37: Vielen Dank, freue mich hier zu sein.
00:00:38: Danke für die Einladung.
00:00:39: Lasst uns erstmal grundlegend über neuroendokrine Tumore sprechen.
00:00:43: Die sind ja relativ selten und werden als Chamäleon der Tumore bezeichnet.
00:00:49: Warum?
00:00:49: Und was ist das eigentlich für Tumoren?
00:00:52: Neuroendokrine Tumoren sind eine Gruppe an Tumoren, und die sind recht selten, treten selten auf.
00:00:56: Wir sehen sie nur häufig in der Nuklearmedizin.
00:00:59: Sie teilen zum einen Eigenschaften unter dem Mikroskop, also die ähneln sich einmal vom Aussehen her, und die haben auch klinisch ähnliche Eigenschaften.
00:01:06: Die haben Hormone, diese produzieren im Überschuss, und können verschiedene Beschwerden machen.
00:01:11: Es ist nur so, dass die Tumore an verschiedenen Stellen auftreten können, ausschütten können, und es kann ganz verschiedene Beschwerden machen.
00:01:19: Es sind recht unspezifische Beschwerden – das kann mal ein Durchfall sein, das kann Herzrasen sein.
00:01:25: Das kann auch sein, dass die Gefäße sich ein bisschen weiten und man dann Rötungen im Gesicht hat.
00:01:29: Und durch diese ganz unterschiedlichen Beschwerden werden sie oft verkannt und erst recht spät als neuroendokriner Tumor erkannt.
00:01:35: Also man denkt gar nicht an diese seltene Ursache für die Beschwerden.
00:01:38: Man denkt vielleicht mal an einen Magen-Darm-Infekt oder was anderes, und am Ende steckt aber doch ein neuroendokriner Tumor eben dahinter.
00:01:45: Und das ist dann eben auch der Grund, warum die Patienten so spät kommen und wahrscheinlich erst mal gar nicht daran denken.
00:01:49: Ist das vielleicht auch das Tückische?
00:01:51: Dass es dann vielleicht oft zu spät erkannt wird?
00:01:54: Genau!
00:01:54: Das kann eines der Probleme sein, weil die Patienten eben sehr unspezifische Beschwerden haben.
00:01:59: Man kann schnell bei Durchfällen an ein Reizdarm-Syndrom denken, man kann bei Atemnot erst mal an anderes denken, und dann kann die Diagnose sich dann stark nach hinten verschieben, weil man erst versucht, alles andere auszuschließen.
00:02:15: Lass uns noch mal über Fachbegriffe sprechen, also die wollen wir natürlich auch erklären.
00:02:19: Was ist ein Somatostatin-Rezeptor, und warum kann man ihn als perfekten Ankerplatz eigentlich für Medikamente bezeichnen?
00:02:28: Das ist eigentlich schon ganz gut, das Wort Ankerplatz. Also ganz natürlich im Körper ist er schon ein Ankerplatz für das Somatostatin, also es ist ein Hormon- und Botenstoff, der ganz natürlich im Körper vorkommt und ausgeschüttet wird.
00:02:38: Und dieser Somatostatin-Rezeptor ist an der Zelloberfläche, und dadurch können wir den ganz gut adressieren mit Medikamenten, die eben dem Somatostatin sehr ähnlich sind.
00:02:46: Wir sprechen auch von Somatostatinanaloga, also ähnlich geartete, ähnlich aussehende Medikamente, und sie binden eben an diesen Rezeptoren, dieser Zielstruktur, und das kann man sich zunutze machen, zum einen zur Behandlung von diesen Tumoren, aber auch um zum Beispiel Bildgebung zu machen.
00:03:01: Also wir können radioaktive Medikamente dort hinbringen, die leicht radioaktiv strahlen, und das können wir mit unseren Scannern, mit unseren Geräten einfangen und dann eben Bilder machen und sehen, wo diese Tumoren vorhanden sind.
00:03:12: Ist das auch das Grundprinzip der Theranostik?
00:03:14: Vielleicht können wir das noch mal erklären.
00:03:16: Also was steckt eigentlich hinter diesem Begriff Theranostik?
00:03:19: Ja, die Theranostik in der Nuklearmedizin ist zusammengesetzt aus den zwei Begriffen Therapie und Diagnostik und beinhaltet, dass wir die Möglichkeit haben, über ein Tracer-Prinzip, über dieses Taxi-Prinzip... Botenstoffe zu erkennen, Substanzen zu entwickeln, die an gewisse Zelloberflächen sich binden.
00:03:36: Und daran haben wir die Möglichkeit, entweder ein leicht strahlendes Radionuklid hinzuhängen für diagnostische Zwecke oder etwas Stärkeres für therapeutische.
00:03:47: Wir können also mit dem gleichen Mechanismus sowohl Diagnostik betreiben als auch dann die Therapie, und dazu hat sich dieser Begriff Theranostik gebildet.
00:03:57: Man spricht ja in diesem Zusammenhang häufig vom Schlüssel-Schloss-Prinzip.
00:04:01: Wie muss ich mir das vorstellen?
00:04:02: Also wird quasi dieses Medikament in den Körper eingeschleust und dockt dann tatsächlich nur an den Krebszellen an?
00:04:08: So ist es zumeist, genau. Das Schlüssel-Schloss-Prinzip ist jetzt das richtige Stichwort.
00:04:12: In unserem Fall jetzt der Somatostatinrezeptor und das Somatostatinanaloga, die quasi wie ein Schlüssel perfekt in das Schloss hineinpassen und im Gepäck dann das Radionuklid haben.
00:04:24: Es gibt natürlich auch noch ein paar unspezifische Anreicherungen dann im Körper, die natürlich auch den Somatostatinrezeptor exprimieren.
00:04:32: Aber das Gute ist, dass diese neuroendokrinen Tumore diesen zumeist sehr stark überexprimieren, und man damit die Möglichkeit hat, dann den Tumor therapeutisch gut anzugehen.
00:04:43: Also
00:04:44: d.h.,
00:04:44: das Medikament haftet dann grundsätzlich oder hauptsächlich an diesen Tumoren?
00:04:48: Genau!
00:04:50: Welche Erfolge kann man denn als Patient realistisch erwarten?
00:04:52: Also geht es hier vorrangig um eine Heilung – also kann ich eine Heilung erwarten –, oder geht es doch mehr um eine Linderung?
00:04:59: Also eine Heilung in dem Sinne geht das nicht.
00:05:01: Das wird zu viel versprochen, aber wir können diese Tumoren sehr gut einfangen damit.
00:05:05: Also wir können die stabilisieren –
00:05:06: d.h.,
00:05:06: die Tumoren wachsen nicht mehr unter dieser Behandlung –, und wenn die Patienten sorgfältig ausgewählt sind, was wir immer im Vorhinein sehr genau machen:
00:05:13: Wenn wir sehen, dass die Somatostatinrezeptoren vorhanden sind und die anderen Voraussetzungen zutreffen, dann sprechen sehr viele von den Patienten an.
00:05:20: Also etwa neun von zehn Patienten erreichen eine sehr gute Kontrolle.
00:05:23: Die Tumoren wachsen nicht mehr weiter, und beim Teil der Patienten sehen wir sogar, dass sie deutlich kleiner werden. Aber es ist keine Heilung.
00:05:30: Also die Tumoren verschwinden nicht – wir haben sie eingangs angesprochen, die werden spät diagnostiziert, erst spät festgestellt, dass dieser Tumor überhaupt vorliegt, und dann liegen oft schon Metastasen vor, zum Beispiel in der Leber, in Lymphknoten, und die bekommt man nicht mehr gänzlich weg.
00:05:42: Aber eine gute Kontrolle kann man erreichen.
00:05:45: Das heißt, diese Patienten leben dann oft schon sehr lange mit den Tumoren?
00:05:49: Kann man sich den Umgang mit der Therapie auch eher als Dauerlauf, als Langstreckenlauf vorstellen, und weniger als Sprint.
00:05:57: Genau, so kann man das gut nennen.
00:05:59: Wie ein Marathon – es ist eher wie eine Art chronischer Erkrankung fast schon, kann man sagen?
00:06:03: Das geht über Jahre: zum einen vergehen Jahre bis zur Diagnosestellung, und dann macht man zunächst diese Biotherapie, also Somatostatinanaloga.
00:06:10: Das kann auch in mehrere Jahre, zwei Jahre vielleicht im Median gehen.
00:06:14: Und dann kommen wir erst ins Spiel mit dieser Peptidrezeptorradionuklidtherapie, PRRT abgekürzt.
00:06:19: Da können wir auch noch mal über Jahre eine Stabilisierung erreichen bei vielen Patienten.
00:06:23: Mit welchen Nebenwirkungen müssen die Patienten bei dieser Therapie rechnen?
00:06:27: Die häufigen Nebenwirkungen sind sehr mild.
00:06:30: Wir haben meist von den Patienten berichtet bekommen, dass es sich um Übelkeit und Müdigkeit handelt.
00:06:36: Die Übelkeit ist zumeist eher durch die Aminosäure-Infusionen, die man bekommt, um die Nieren zu schützen während der Therapie.
00:06:43: Auch hier kann man Medikamente gegen Übelkeit bekommen.
00:06:45: Die Nebenwirkungen, die man dann im längeren Verlauf sieht – das ist nicht nach einem Zyklus, sondern meist erst kumulativ nach mehreren Zyklen –, können dann die Nierenfunktion betreffen und das Knochenmark.
00:06:57: Und in welchen ganz konkreten Situationen ist die Nuklearmedizin jetzt die beste Option?
00:07:02: Vielleicht habt ihr da auch Erfahrungen oder Beispiele aus der Praxis.
00:07:06: Also zum einen Patienten, die eine Biotherapie, also Somatostatinanaloga, bekommen haben und nicht mehr gut genug darauf ansprechen.
00:07:13: Es kann sein, dass die Symptome zunehmen, es kann sein, dass man in der Bildgebung sieht, dass die Tumoren wachsen.
00:07:18: Das sind Patienten, die klassischerweise dann übergehen zu dieser nuklearmedizinischen Therapie.
00:07:23: Es gibt aber auch neue Entwicklungen, dass man diese Therapie auch früher schon einsetzt.
00:07:27: Also gleich als Primärtherapie – das heißt, wenn ein Patient kommt und einen von diesen neuroendokrinen Tumoren hat, die vielleicht etwas schneller wachsen,
00:07:34: dass man gleich zu Beginn schon diese Therapie geben kann.
00:07:37: Aber normalerweise sind es Patienten, die eben diese Biotherapie über mehrere Jahre vielleicht schon haben und dann progredient werden.
00:07:44: Also die Erkrankung nimmt zu und dann sehen wir diese Patienten.
00:07:50: Das wird ja wahrscheinlich nicht der Hausarzt entscheiden, und auch nicht der Patient selbst, dass er jetzt für diese Therapieform infrage kommt oder diese Therapieform ausprobieren möchte.
00:07:58: Wer entscheidet das dann letztendlich?
00:08:00: Das wird immer individuell für die Patienten entschieden, in einem Tumorboard.
00:08:04: Dort sitzen dann die Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachrichtungen zusammen – natürlich die Nuklearmedizin, Strahlentherapeuten, die endokrinen Chirurgen, Endokrinologen, Onkologen, Pathologen... Also eine große Gruppe sitzt dann zusammen.
00:08:16: Wie gut schaut man den Fall zusammen durch?
00:08:18: Man sieht sich an die Bildgebung, man sieht sich auch an die Histologie.
00:08:22: Man schaut sich die Vortherapien an und natürlich auch, wie es dem Patienten oder der Patientin geht, den Allgemeinzustand, und kann dann zusammen besprechen und entscheiden, was die beste Therapieoption wäre, die man den Patienten anbieten kann.
00:08:35: Das ist also hochindividualisiert für den Patienten.
00:08:39: Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich bekomme grünes Licht für diese Therapieform, ich komme zu euch in die Klinik – wie läuft das dann ganz konkret ab?
00:08:46: Genau, es gibt zunächst einmal ein Vorgespräch.
00:08:48: Es wird geprüft, ob die ganzen Voraussetzungen gegeben sind.
00:08:51: Man macht eine sogenannte PET-CT-Bildgebung, also das nuklearmedizinische Bild, in dem man sieht, dass diese Tumoren den Somatostatinrezeptor aufweisen und das jetzt auch in ausreichender Form tun.
00:09:01: Es wird geprüft, ob die Nierenfunktion gut ist, weil diese radioaktiven Substanzen über die Niere wieder ausgeschieden werden, und so weiter und sofort.
00:09:08: Also man prüft die Voraussetzungen, dass die gegeben sind. Und wenn dann das Tumorboard die Therapie empfohlen hat, der Patient oder die Patientin einverstanden ist und es dann wirklich zu dem Aufenthalt kommt – dann ist das in Deutschland ein stationärer Aufenthalt, dass man für mindestens zwei Tage im Krankenhaus ist. Das hat einfach Strahlenschutzgründe.
00:09:24: Man möchte nicht, dass andere Personen angestrahlt werden. Und dann ist das so am ersten Tag, am Therapietag selber:
00:09:30: Das ist eine ganz einfache Infusion.
00:09:31: Man bekommt eine Nadel gelegt und einen Zugang in die Vene, und dann läuft diese Flüssigkeit dort rein.
00:09:36: Es könnte auch einfach nur Kochsalzlösung sein.
00:09:38: Das merkt man gar nicht unbedingt als Patient am Anfang.
00:09:41: Ein Teil der Patienten kann schon Symptome bekommen, wenn es hormonell aktiv ist, also wenn der Tumor Botenstoffe ausschüttet.
00:09:49: Aber ansonsten ist das eine sehr gut verträgliche, kaum spürbare Behandlung.
00:09:52: Und dann ist viel Warten angesagt, und man muss einfach abstrahlen –
00:09:55: quasi das, was nicht gebraucht wird, wieder ausgeschieden, wird gesammelt auf den Stationen auch, bis es radioaktiv abgeklungen ist.
00:10:02: Dann ist es so:
00:10:03: Wir kontrollieren sehr genau die Laborparameter.
00:10:05: Wir möchten gucken, ob's da irgendwelche Veränderungen sind, auf die wir reagieren müssen.
00:10:09: Es kann im Blutbild sein, es kann in der Nierenfunktion sein.
00:10:12: Das schauen wir uns alles sehr genau an.
00:10:13: Als Patient wird man überwacht, dass da nichts passiert. Und nach diesen Behandlungen machen wir auch noch einmal Bilder.
00:10:19: Das sind sogenannte SPECT-CT-Bilder – da schauen wir uns an, dass die Therapiesubstanz wirklich gut an die richtige Stelle gelangt ist, also in den Tumoren drin ist, und wir schauen uns auch die gesunden Organe an, zum Beispiel eben die Nieren, dass die auch nicht zu viel von der Dosis abbekommen.
00:10:33: Es gibt ja viele Patienten, die wahrscheinlich im Vorfeld googeln, was da auf sie zukommt.
00:10:37: Was sind meine Tumormarker – die sind wahrscheinlich sehr beunruhigt.
00:10:43: Es gibt einen Tumormarker, der für die neuroendokrinen Tumore oft verwendet wird.
00:10:46: Das Chromogranin A. Hierbei muss man ein bisschen aufpassen, weil der Tumormarker recht unspezifisch ist.
00:10:53: Der kann verändert werden durch häufige Medikamente, zum Beispiel die Protonenpumpeninhibitoren.
00:10:58: Viele Patientinnen nehmen z.B. Pantoprazol, das kennt man.
00:11:02: Durch eine schlechtere Nierenfunktion kann der Tumormarker auch falsch hoch sein.
00:11:06: Das heißt, man muss aufpassen, dass man sich jetzt nicht zu sehr an einen Tumormarkerwert dann festhält.
00:11:12: Aber es kann auf jeden Fall helfen, wenn man es im Kontext anschaut, den längerfristigen Verlauf der Krankheit über die Therapiezyklen anschaut und dann eben im Kontext mit dem Verlauf die Bewertung macht.
00:11:24: Das könnte die Patienten also gut beruhigen.
00:11:26: Aber was ist, wenn jetzt der nächste Scan vielleicht zeigt, dass der Tumor doch gewachsen ist?
00:11:32: Heißt es dann, dass die Therapieform nicht angeschlagen hat?
00:11:34: Oder könnte man sich vielleicht nochmal erneuern?
00:11:36: Oder was passiert denn?
00:11:37: Das kommt dann sehr darauf an, auch wieder wie der klinische Kontext ist, also in welcher Situation das passiert, und es ist auch wichtig, dass man solche Fälle dann auch wieder erneut im Tumorboard bespricht.
00:11:45: Es kann sein –
00:11:46: zum einen der seltenste Fall ist, dass die Tumoren recht früh schon wachsen,
00:11:50: also noch während der Therapie, nach ein, zwei Zyklen – dann muss man über Alternativen nachdenken.
00:11:55: In der Regel spricht das ja gut an, und dann kommt es darauf an: Wenn man eine lange Therapiepause hatte und die Patienten gut von der ersten PRRT profitiert hatten, dann kann es durchaus eine Option sein, wenn der Tumor irgendwann wieder aktiv wird, wenn er wiederkommt und wieder wächst, dass man nochmal eine PRRT, also diese nuklearmedizinische Therapie, durchführt.
00:12:13: Es kann auch sein, dass der Großteil der Tumoren gut anspricht, aber nur eine Stelle Probleme macht.
00:12:18: Dass die wächst – die könnte man lokal adressieren.
00:12:20: Man kann zum Beispiel eine Strahlentherapie machen, operativ kann man eventuell etwas machen.
00:12:24: Also es kommt sehr darauf an, wieder in welcher klinischen Gesamtsituation das passiert, und deswegen auch da wieder das wichtige Tumorboard, dass alle draufschauen können – dass die Chirurgen draufschauen können, die Onkologen wie auch die Nuklearmediziner.
00:12:34: Es kann also sein, unter der Behandlung, dass der Tumor tatsächlich wächst.
00:12:37: Gibt es sonst noch Voraussetzungen, unter denen eine Behandlung möglicherweise abgebrochen werden muss?
00:12:43: Zumeist sind es dann, wenn jetzt nicht der Tumor das ist, der wächst, Nebenwirkungen, die auftreten können.
00:12:48: Wir schauen ja sehr streng darauf, dass die Blutwerte in Ordnung sind, die Nierenfunktion in Ordnung ist und die Knochenmarkfunktion in Ordnung ist. Und wenn man hier Veränderungen sieht – dass zum Beispiel die roten oder weißen Blutkörperchen oder die Blutplättchen zu wenig werden, dass die Nierenfunktion immer schlechter wird –
00:13:06: dann gibt es natürlich die Möglichkeit, dass man die Therapie vorzeitig abbricht.
00:13:11: Dann bespricht man sich natürlich noch mal in der großen Runde, wie man weitermachen kann.
00:13:16: Zumeist sind es auch vorübergehende Veränderungen, die wir sehen, und dann wartet man etwas zu und sieht, ob sich das Knochenmark zum Beispiel wieder erholt hat, und dann kann man die Therapie weiter fortsetzen.
00:13:27: Ansonsten ist es so: Wenn die Therapie nicht angesprochen hat oder eben die Voraussetzungen nicht mehr erfüllt sind, dass man sicher die Therapie durchführen kann, dass man nach anderen Alternativen schauen muss.
00:13:40: Ihr habt ja schon gesagt, es wird regelmäßig ein Scan durchgeführt, um zu kontrollieren.
00:13:45: Schlägt die Therapie an, ist das jetzt alles noch sinnvoll?
00:13:47: Sind die Tumore vielleicht kleiner geworden?
00:13:49: Das klingt ja auf der einen Seite ziemlich gut, dass ich so gut überwacht werde.
00:13:53: Auf der anderen Seite birgt das nicht auch ein Risiko?
00:13:55: Ist es nicht auch belastend für den Körper?
00:13:59: Das sind geringe Mengen an Radioaktivität, die wir bei diesen Scans haben.
00:14:02: Ich würde sagen, das ist im Gesamtkontext vernachlässigbar.
00:14:05: Natürlich macht man es jetzt nicht anlasslos – also wir würden jetzt nicht einfach so mal einen Scan machen.
00:14:09: Aber das ist eine völlig vertretbare geringe Menge an Radioaktivität und auch an Strahlenbelastung von dieser PET-CT, und der Nutzen überwiegt ganz klar diese geringen Nachteile – da braucht man keine Sorgen zu haben.
00:14:21: Natürlich ist es ein gewisser Aufwand, ab und zu diese Bilder zu machen.
00:14:25: Das kann man so sehen.
00:14:25: Aber ich denke, die Patienten möchten selbst unbedingt wissen, was Sache ist und wie der Stand ist.
00:14:29: Also wenn man in Abständen von zum Beispiel drei Monaten, einem halben Jahr oder größeren, wenn lange Ruhe war bei der Erkrankung, diese Bilder macht – das ist völlig vertretbar.
00:14:37: In den meisten Fällen.
00:14:39: Du hast schon gesagt, also ein stationärer Aufenthalt ist Voraussetzung, weil man natürlich eine gewisse Strahlung abgibt.
00:14:46: Wie ist es dann nach der Entlassung?
00:14:47: Wenn ich wieder zu Hause bin, gibt's da irgendwelche Hygiene- oder Abstandsregeln, die ich beachten muss?
00:14:53: Genau, die gibt es schon.
00:14:54: Und da geht es auch wieder primär darum, dass man nicht andere Personen anstrahlt.
00:14:57: Man braucht da überhaupt keine Sorgen zu haben.
00:14:59: Das sind wirklich Vorsichtsmaßnahmen, aber man möchte eben nicht gesunde Personen anstrahlen, und das ist eine ganz wichtige Regel im Abstand.
00:15:06: Also geht es wirklich um räumlichen Abstand.
00:15:08: Man braucht jetzt nicht die Sorge haben, dass es wie bei Erkältungserkrankungen durch die Luft fliegt.
00:15:11: Sondern eine reine Abstandsfrage zu der Person, die behandelt wurde.
00:15:15: Zum Beispiel ein Armlängenabstand ist ganz gut, oder ein bisschen mehr, wenn man kann, je nach Situation. Und auch zeitlich.
00:15:21: Also wenn man jetzt die Nähe haben muss, zum Beispiel wenn man die Person pflegt oder etwas am Körper machen muss – das ist in Ordnung –, und dann sollte man es eben möglichst kurz halten.
00:15:28: Das empfiehlt man für mehrere Tage nach der Therapie, vielleicht drei bis fünf Tage, dass man da sehr vorsichtig ist.
00:15:34: Dann ist auch wichtig zu wissen, dass die Ausscheidungen am Anfang radioaktiv sein können.
00:15:38: Der Großteil – das passiert schon auf der Station im Krankenhaus – ist ja ausgeschieden, wird gesammelt auf den Stationen, bis er abgeklungen ist radioaktiv.
00:15:50: Also man zweimal spült, dass man sich die Hände gut wäscht und nicht da irgendwie eine Kontamination hat und andere Personen damit anfasst z.B. Es sind so gewisse Vorsichtsmaßnahmen, die man genau im Krankenhaus erklärt bekommt, worauf man achten kann.
00:16:03: Jetzt mal eine ganz persönliche Frage.
00:16:04: Seid ihr da nicht auch einem wahnsinnig großen Risiko ausgesetzt, wenn ihr tagtäglich mit den strahlenden Patienten zu tun habt?
00:16:11: Prinzipiell natürlich schon, weil die Strahlung auch uns betrifft.
00:16:15: Aber es gibt natürlich in Deutschland sehr starke Richtlinien und Empfehlungen dafür.
00:16:19: Da haben wir sehr gute Strahlenschutzregeln auch bei uns auf den Stationen, und die gleichen Verhaltensregeln wie für die Patientinnen gelten für uns natürlich auch.
00:16:28: Abstand ist das A und O – der Aufenthalt, die Aufenthaltsdauer ist genauso wichtig.
00:16:33: Man schaut, wenn die Patientinnen und Patienten dann wirklich strahlen, wenn man das Medikament gegeben hat, dass man die Aufenthaltsdauer möglichst reduziert – Fragen und Hilfe vorher angeboten hat, damit man hinterher nicht mehr hin muss.
00:16:46: Und dann können wir in unseren Therapieräumlichkeiten auf der Station auch die Möglichkeit nutzen, dass wir uns hinter Abschirmungen stellen, damit die Strahlung abgefangen wird.
00:16:58: Und ansonsten: Für uns ist ja nicht die relevante Strahlung, die der Patient dann direkt im Körper hat, die ganz lokal den Tumor bestrahlt und dann zerstört, sondern sowas wie die Reststrahlung, die Gammakomponente davon, die uns trifft.
00:17:11: Das heißt, der Patient an sich hat schon die höhere Strahlendosis als die, die wir abbekommen werden.
00:17:16: Okay, dann bin ich beruhigt, dass ihr da nicht so großer Gefahr ausgesetzt seid.
00:17:21: Jetzt haben wir hauptsächlich über neuroendokrine Tumore gesprochen.
00:17:24: Ist denn diese Therapie möglicherweise auch in Zukunft auf
00:17:28: andere
00:17:29: Krebsarten übertragbar?
00:17:30: Wird da vielleicht sogar schon daran geforscht?
00:17:32: Auf jeden Fall!
00:17:33: Also die neuroendokrinen Tumoren waren eine der Ersten in den zurückliegenden Jahren, wo es so gut funktioniert hat.
00:17:39: Wir haben mittlerweile auch andere große Durchbrüche gehabt –
00:17:42: eben beim Prostatakarzinom, also Prostatakrebs, wo es auch sehr gut funktioniert mit einer ganz ähnlich gearteten theranostischen Methode. Und das Feld boomt.
00:17:50: Also da tut sich unheimlich vieles, gibt es sehr viele Forschung, es gibt neue Zielstrukturen, die wir uns anschauen.
00:17:55: Wir schauen uns zum Teil dieselben Zielstrukturen in anderen Erkrankungen auch an.
00:17:58: Also der Somatostatinrezeptor wird zum Beispiel bei gewissen Formen von Hirntumoren sogar angeschaut.
00:18:03: Also es tut sich sehr viel in dem Feld, und wir haben die Hoffnung oder erwarten, dass es da neue Konstellationen gibt, in denen wir das anwenden
00:18:10: können.
00:18:11: Es gibt ja viele betroffene Patienten mit neuroendokrinen Tumoren, die sich in Selbsthilfegruppen treffen, Erfahrungen austauschen... Was hältst du davon?
00:18:20: Das ist eine gute und eine wichtige Sache.
00:18:21: Also es ist ganz gut, dass man sich mal austauschen kann über eigene Erfahrungen und gewisse Fragen noch einmal klären kann.
00:18:27: Es kann auch Mut geben und Hoffnung geben, wenn man sieht, wie andere mit der Erkrankung fertig werden.
00:18:32: Und es ist wichtig nur, dass man sich da seriöse oder gute sucht.
00:18:35: Da kann man auch uns dann fragen, wenn man bei Aufklärungsgesprächen ist oder wenn man beim Onkologen/der Onkologin ist, was denn da verlässliche, gute Gruppen sind.
00:18:43: Man kann auch zum Beispiel sich ans Bayerische Zentrum für Krebsforschung wenden.
00:18:46: Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum hat da Informationsnewsletter zum Beispiel sowie Gruppenlisten, die man da erfragen kann, und das sind durchaus gute, probate Methoden, sich dort zu orientieren.
00:18:57: Jetzt haben wir schon gerade gehört, es wird wahnsinnig viel geforscht auf diesem Gebiet.
00:19:01: Wenn ihr einen Wunsch hättet – was würdet ihr euch für die Patienten in den nächsten, sagen wir mal, zehn Jahren wünschen?
00:19:07: Wir wünschen uns natürlich eine weitere Entwicklung von unseren Therapiemöglichkeiten, und das ist präzisere Therapiemöglichkeiten mit weniger Nebenwirkungen, bessere dosimetrische Ansätze dafür, um den Patienten entsprechend besser helfen zu können. Sowohl natürlich den Patientinnen und Patienten mit neuroendokrinen Tumoren, dass es dort neue Ansätze gibt.
00:19:27: Bessere Ansätze, die noch nebenwirkungsärmer sind und die Lebensqualität immer weiter erhalten können. Und natürlich auch, wie wir schon gehört haben, von neuen Möglichkeiten, auch andere Tumorentitäten anzugehen und auch hier Linderung verschaffen zu
00:19:41: können.
00:19:42: Ich habe ja eingangs die Frage gestellt: Sind neuroendokrine Tumore eine Erkrankung, bei der die Nuklearmedizin tatsächlich einen Unterschied machen kann und tatsächlich hier eine Besserung verspricht?
00:19:53: Jetzt nochmal abschließend nach unserer Gesprächsrunde vielleicht noch mal eine ganz kurze Zusammenfassung von jedem von euch.
00:19:57: Adrien, magst du mal anfangen?
00:19:59: Ja, also die Nuklearmedizin macht auf jeden Fall einen ganz wesentlichen Unterschied.
00:20:02: Und ich denke auch jeder Patient, jede Patientin, die vielleicht selbst mal diese Bilder gesehen hat, wo es dann überall leuchtet – man wirklich ganz genau sehen kann, wo diese Tumoren sind –, versteht auch sofort, warum das so ein wesentlicher Unterschied macht.
00:20:12: Selbst wenn wir gar nicht an die Therapie denken – rein als Diagnostik, als Bildgebung – ist das wirklich schon ausschlaggebend, um zu sehen, wo diese Tumoren sind, ob überhaupt eine Metastasierung vorliegt, und so weiter.
00:20:22: Und dann eben über dieses elegante Prinzip der Theranostik, dass wir diese Tumoren jetzt behandeln können, lange stabilisieren können.
00:20:27: Das macht auf jeden Fall einen großen Unterschied für die Patienten.
00:20:30: Michael, siehst du das auch so?
00:20:31: Auf jeden Fall!
00:20:32: Ich denke, dem kann man nur hinzufügen, dass die Patientinnen und Patienten keine Sorge haben müssen.
00:20:37: Radioaktivität klingt immer wahnsinnig schlimm – man kennt ja Radioaktivität und Nuklear nur aus... Filmen und Büchern oder aus Kriegsschauplätzen, aber hier kann man wirklich hochpräzise Onkologie betreiben.
00:20:48: Und den Patienten helfen.
00:20:49: Man muss keine Angst haben vor den diagnostischen Möglichkeiten und auch nicht vor der
00:20:53: Therapie.
00:20:55: Das heißt, die PRRT bietet Patienten mit neuroendokrinen Tumoren eine zielgenaue Therapie, die den Tumor von innen bekämpft – oft dann, wenn andere Behandlungen nicht mehr wirken!
00:21:07: Ein Ansatz, der das Wachstum der Metastasen aufhalten und so zu einer enormen Steigerung der Lebensqualität beitragen kann.
00:21:15: Weitere Infos zum Thema gibt's wie immer in den Shownotes dieser Folge!
00:21:19: Und damit danke ich euch, Adrien und Michael, für eure Erklärungen und Einschätzung, und danke Ihnen fürs Zuhören! In der nächsten Folge sprechen wir über das Thema Schilddrüsenkrebs.
00:21:29: Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute, bis dann, machen Sie es gut.
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