Jodkapsel gegen Krebs: Die unsichtbare Waffe
Shownotes
Gäste:
Dr. med. Liam Widjaja, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
Michael Gammel, Technische Universität München (TUM)
Beschreibung:
Die Radiojodtherapie ist eine der ältesten und am besten untersuchten Methoden der Nuklearmedizin. Sie richtet sich gezielt gegen Schilddrüsenkrebszellen, ohne das umliegende Gewebe wesentlich zu belasten. In dieser Folge erklären Dr. med. Liam Widjaja und Michael Gammel, wie die Behandlung abläuft, warum ein stationärer Aufenthalt notwendig ist und welche Nebenwirkungen wirklich zu erwarten sind. Sie gehen auch auf häufige Fragen ein, die Patientinnen und Patienten vor der Therapie haben.
"Links:"
Bayerisches Zentrum für Krebsforschung (BZKF)
Radiojodtherapie
https://de.wikipedia.org/wiki/Radiojodtherapie
Schilddrüsenkarzinom
https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/schilddruesenkrebs/index.php
Jod-131 (I-131)
https://de.wikipedia.org/wiki/Iod-131
Strahlenschutzverordnung (Deutschland)
https://www.gesetze-im-internet.de/strlschv_2018/
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin
https://www.nuklearmedizin.med.uni-muenchen.de/
Technische Universität München (TUM), Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin
Transkript anzeigen
00:00:00: Was wäre, wenn eine einzige Kapsel – nicht größer als eine gewöhnliche Tablette – Krebszellen in der Schilddrüse gezielt von innen zerstören könnte?
00:00:09: Heute wollen wir auf den Grund gehen.
00:00:12: Ist die Radiojodtherapie eine Behandlung, von der sich Schilddrüsenkrebspatienten eine Heilung erhoffen können?
00:00:19: Und damit ganz herzlich willkommen zu unserem Podcast Theranostik und Nuklearmedizin einfach erklärt.
00:00:25: Dazu begrüße ich Dr. Liam Widjaja, Arzt in der Nuklearmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Michael Gammel, Arzt in der Nuklearmedizin an der Technischen Universität München.
00:00:37: Herzlich willkommen, schön dass ihr da seid!
00:00:39: Vielen Dank!
00:00:40: Danke für die Einladung.
00:00:41: Wir sprechen ja heute über Schilddrüsenkrebs.
00:00:44: Also in welchen Fällen ist nach einer Operation eine Radiojodtherapie überhaupt notwendig?
00:00:51: Die Radiojodtherapie ist bei differenzierten Schilddrüsenkarzinomen möglich – das ist das follikuläre und das papilläre Schilddrüsenkarzinom.
00:01:01: Nach einer Operation besteht die Indikation, wenn man Restgewebe in der Schilddrüsenloge noch verbleiben hat.
00:01:08: Wenn man den Verdacht hat, dass dort auch noch mikroskopisch Tumorreste sein könnten, zum Beispiel bei sehr großen Schilddrüsenkarzinomen, oder wenn auch Lymphknoten schon befallen waren, oder wenn sich bestimmte Risikokonstellationen dann ergeben.
00:01:23: Und da ist das Ziel, dass man das Schilddrüsengewebe, das verbleibt, noch entfernt und gegebenenfalls die Tumorzellen, die auch noch verblieben sind, mit entfernen kann.
00:01:33: Warum ist es wichtig, dass vorher diese OP stattgefunden hat und die Schilddrüse vollständig entfernt wurde?
00:01:39: Das sind zwei Gründe.
00:01:40: Zum einen möchte man natürlich den Schilddrüsenkrebs selber nochmal im Mikroskop richtig untersuchen können. Deswegen ist die Operation notwendig, um diesen Krebs vollständig zu entfernen – auch Lymphknoten, die man als verdächtig erachtet, zu entfernen und diese mikroskopisch genau untersuchen zu können, um da genaue Aussagen zu treffen.
00:02:00: Zum Beispiel, ob die Lymphknoten befallen sind, ob dieses Schilddrüsenkarzinom, wie mein Kollege schon gesagt hat, gut differenziert ist.
00:02:09: Nur dann ist ja auch diese Radiojodtherapie sinnvoll.
00:02:12: Der zweite Grund ist, dass bei der Radiojodtherapie selber auch nötig ist, dass die Schilddrüse entfernt wurde, weil wir natürlich mit der Dosis, die wir bei dieser Radiojodtherapie einsetzen, möglichst wenig Dosis verwenden wollen. Und wenn man die gesamte Schilddrüse noch vorhanden hat, müsste man sehr hohe Dosen einsetzen, um das gesamte Schilddrüsengewebe, was noch im Patienten verblieben ist, adäquat zu erreichen.
00:02:41: Deswegen – um Dosis und damit auch Strahlenbelastung zu sparen – sagt man, dass die Patienten vorher die Schilddrüse entfernt haben sollen, möglichst vollständig.
00:02:50: Und dann nur noch dieses kleinere Restgewebe, das man halt nicht komplett entfernen kann, weil wichtige Strukturen entlang der Schilddrüse verlaufen, um eben nur noch diese kleinsten mikroskopischen Reste dann im Rahmen der Radiojodtherapie wegzubehandeln.
00:03:05: Und selbst diese kleinsten Reste wollen ja das Jod haben – also die reagieren auf das Jod und sind quasi, wenn man so einfach sagen kann, süchtig nach Jod.
00:03:13: Diese Schilddrüsenzellen – Stichwort Jodstoffwechsel.
00:03:17: Wie funktioniert das eigentlich?
00:03:18: Also warum reagiert die Schilddrüse so stark auf Jod?
00:03:22: Das liegt an dem Natrium-Jodid-Symporter.
00:03:25: Das ist ein Transportmolekül, das die Schilddrüsenzellen haben, der aktiv das Jod aus dem Blut in die Schilddrüsenzellen hineinbringen kann.
00:03:34: Und die differenzierten Schilddrüsenkarzinome haben nach wie vor diesen Mechanismus.
00:03:39: Diese einfache Physiologie nutzen wir dann auch für die Radiojodtherapie, weil der Körper und die Zellen keinen Unterschied sehen zwischen dem normalen kalten Jod, das man über die Nahrung aufnehmen kann, und dem radioaktiven heißen Jod, das wir für die Therapie benutzen – es wird also auf dem gleichen Weg mit aufgenommen.
00:03:56: Welch, kannst du das nochmal erklären? Also dieses Jod, was ich ja auch im Speisesalz sehe. Das ist etwas anderes dann, oder?
00:04:02: Genau!
00:04:02: Das Jod, das wir zu uns nehmen sollten, damit die Schilddrüse die normale Funktion erhalten kann und die Schilddrüse Hormone herstellen kann – das ist quasi kein radioaktives Jod, wird so zugesetzt, und das unterscheidet sich eben in dieser Eigenschaft von unseren therapeutischen und diagnostischen Markern, die man nutzen kann.
00:04:19: Aber im Endeffekt ist es das gleiche Jod – nur eben in radioaktiver Form.
00:04:24: Wenn jetzt die Zelle dieses Jod aufgenommen hat, was passiert dann in der Zelle?
00:04:29: Also muss ich mir vorstellen, wie mein Kollege schon gesagt hat:
00:04:31: Wir geben da heißes Jod, sprich radioaktives Jod.
00:04:34: Radioaktiv heißt, dass dieses Jod zerfällt und im Rahmen dieses Zerfalls radioaktive Strahlung abgibt.
00:04:41: Dadurch, dass dieses Jod sehr gezielt eben in diesen Schilddrüsenzellen – ob jetzt gutartig oder bösartig – gespeichert wird, ist es so, dass dann halt auch diese Strahlungsenergie dort sehr gezielt in diesen Herden abgegeben wird und dadurch dort diese Zellen zerstört werden. Was dann zum Beispiel kleinere Tumorreste haben, die eben im Rahmen der Operation nicht entfernt werden konnten –
00:05:02: wenn dort dann dieses Jod gespeichert werden konnte im Rahmen einer Therapie, wird dort sehr, sehr gezielt diese radioaktive Energie abgegeben und diese Zellen werden dadurch zerstört.
00:05:11: Und dadurch haben wir diesen sehr schönen, selektiven und effektiven Therapieeffekt auch der Radiojodtherapie.
00:05:18: Was müssen Patientinnen und Patienten denn im Vorfeld beachten vor so einer Radiojodtherapie?
00:05:23: Es sollte auf eine jodarme Ernährung, auf eine Jodkarenz geachtet werden.
00:05:29: Weil unser heißes Jod eben mit dem kalten Jod, das von der Nahrung aufgenommen wird, konkurrieren wird.
00:05:35: Das heißt, jodiertes Speisesalz ist ein Thema, und ansonsten alles, was aus dem Meerwasser kommt.
00:05:41: Aus dem Salzwasser also.
00:05:42: Meeresfische beinhalten viel Jod, Meeresfrüchte, Schalentiere, und auch Jodpräparate. Und da sollten die Patienten aufpassen, dass man ein, zwei, drei Wochen davor möglichst eine Jodkarenz einhält, damit dann unser Jod auch gut in die Zellen aufgenommen wird.
00:05:58: Also quasi, dass die Schilddrüse oder die Schilddrüsenzellen hungrig auf dieses Jod sind – es soll im Vorfeld nicht ausreichend oder nicht zu viel zugefügt werden.
00:06:08: Und es muss ja wahrscheinlich auch ein Anreiz geschaffen werden, oder?
00:06:10: Wie sieht der denn aus?
00:06:12: Es ist ja so, dass die Schilddrüsenzellen dadurch aktiv werden, weil man im Körper Schilddrüsenhormon benötigt – beziehungsweise die Zellen werden immer aktiver, je weniger Schilddrüsenhormon im Körper vorhanden ist.
00:06:27: In diesem Regelkreis kann man von außen eingreifen, indem man den Patienten entweder das Schilddrüsenhormon-Ersatzmedikament, was ja nach der Operation und Entfernung der Schilddrüse angesetzt bekommen, für einige Wochen nicht mehr gibt.
00:06:43: Oder eben – das ist jetzt eine etwas neuere Methode, die etwas eleganter ist –, indem man dem Patienten eine Spritze gibt. Es nennt sich rekombinantes TSH. Das ist quasi ein Hormon, das übergeordnet in diesen Regelkreis eingreift und im Körper eine starke Schilddrüsenunterfunktion vorsimuliert.
00:07:02: Diese Schilddrüsenunterfunktion hat dann quasi die Folge, dass die verbliebenen Schilddrüsenzellen – ob jetzt gutartig oder eben bösartig – dadurch stärker aktiv werden.
00:07:13: Reiz, Schilddrüsenhormon zu produzieren, und dadurch aber auch mehr Jod aufzunehmen.
00:07:18: Dadurch wird ebenso unsere Therapie, sprich die Radiojodtherapie, aber auch zum Beispiel die Untersuchung und die Diagnostik, die wir im Rahmen dieser Therapie durchführen können, deutlich selektiver.
00:07:28: Diese Spritzen mit diesem rekombinanten TSH – das ist dadurch eleganter, weil es deutlich schneller geht als das Weglassen der Tabletten.
00:07:40: Ich kann mir vorstellen, dass es aber einige Nebenwirkungen gibt. Also wie fühlen sich die Patientinnen und Patienten? Was hört ihr da, Michael?
00:07:47: Wenn man in der ersten Variante ist und die Substitutionstherapie der Patientin beendet – was klassischerweise dann der Fall ist nach einer Schilddrüsenoperation, wenn die Schilddrüse entfernt ist und man den Patientinnen das Hormon in Tablettenform geben muss –, wenn man das beendet, dann werden die Patientinnen zwangsläufig in die Unterfunktion kommen und auch die klassischen Beschwerden bekommen.
00:08:09: Also die vermehrte Müdigkeit und die Antriebslosigkeit.
00:08:13: Wenn man die zweite Variante nimmt mit der rhTSH-Spritze, dann hat man die typischen Symptome der Unterfunktion nicht.
00:08:21: Es kann aber trotzdem natürlich zu vereinzelten Symptomen – etwa Kopfschmerzen – kommen oder Übelkeit.
00:08:27: Deshalb auch die elegantere Version, wie du schon gesagt hast, Liam.
00:08:31: Und am Tag der Aufnahme? Wie wird die Therapiekapsel dann verabreicht?
00:08:35: Also wird das gespritzt oder muss man schlucken, oder wie sieht es aus?
00:08:38: Das ist tatsächlich sehr unspektakulär.
00:08:41: Also die meisten Patienten wundern sich, wie einfach das funktioniert.
00:08:43: Es ist nämlich ganz normal eine Tablette wie jede andere auch, die man ganz normal nimmt.
00:08:49: Insofern muss man da nichts Besonderes beachten.
00:08:52: Es ist keine Spritze, nichts Spektakuläres, sondern einfach eine Tablette, die man ganz normal schluckt und dann über den Magen letztendlich auch resorbiert.
00:08:59: Und man spürt es gar nicht, oder merke ich da irgendwas von?
00:09:02: Von der Tablette selber merkt man eigentlich wenig bis gar nichts.
00:09:06: Man kann natürlich mal ganz leichte Nebenwirkungen haben, insbesondere in der Magenschleimhaut, wo das Ganze resorbiert wird und sich leicht anreichern kann, sodass man da so ganz leichte Magenverstimmungen kriegt.
00:09:18: Letztendlich ist das aber sehr gut beherrschbar – da kann man dann zum Beispiel einen sehr geläufigen Magensäureblocker nehmen, und dann ist es sehr schön verträglich.
00:09:26: Die meisten Patienten berichten uns tatsächlich während der Therapie, dass sie gar nichts davon gemerkt haben.
00:09:31: Und trotzdem muss ich erst mal im Zimmer bleiben – warum?
00:09:35: Wir arbeiten ja immer noch mit radioaktiven Stoffen, und ein großer Teil der Radioaktivität von dem radioaktiven Jod wird am Anfang ausgeschieden, entweder über den Urin oder den Speichel.
00:09:50: Und damit das nicht in den Umlauf kommt und andere Personen gefährden kann, muss man auf die Strahlenschutzverordnungen achten.
00:09:58: Das heißt dann konkret, dass man mindestens achtundvierzig Stunden in einem Strahlenschutzbereich – in der nuklearmedizinischen Therapiestation – ist, damit dort dann die Ausscheidungen gesammelt werden können.
00:10:10: Die werden dann in großen Tanks gesammelt und klingen dort ab.
00:10:13: Die können also nicht direkt in die Kanalisation der Stadt wieder zurückgegeben werden.
00:10:17: Das andere ist, dass man eingeschränkten Zugang haben soll zu anderen Personen.
00:10:22: Das heißt, Familie und Freunde können leider während der Zeit nicht mit auf Station kommen, und auch das Personal in der Nuklearmedizin versucht, den Kontakt möglichst gering zu halten, damit sie nicht weiter der Strahlenexposition ausgesetzt werden.
00:10:36: Und dieses Zitronenlutschen auf Station? Ist das ein Mythos, oder wird es tatsächlich gemacht?
00:10:42: Das empfehlen wir tatsächlich.
00:10:44: Wir sind ja schon darauf eingegangen, dass das Jod primär eigentlich nur von der Schilddrüse gespeichert wird und verstoffwechselt.
00:10:52: Es gibt aber tatsächlich noch andere Organe, die ganz leicht dieses Jod aufnehmen, und eines davon sind eben die Speicheldrüsen.
00:11:00: Und deshalb empfiehlt man tatsächlich – einen Tag nach der eigentlichen Radiojodgabe – Maßnahmen zu ergreifen, die den Speichelfluss fördern.
00:11:09: Das kann zum Beispiel so etwas sein wie Zitronen lutschen, das kann Kaugummikauen sein, saure Lutschbonbons – einfach irgendwas, was ein bisschen den Speichelfluss fördert.
00:11:18: Das Ganze hat zur Folge, dass dann einfach diese ganz geringe Menge von dem Radiojod, was eben in den Speicheldrüsen gespeichert wurde, mit dem Speichel abfließt, und man dementsprechend dann keine relevante Bestrahlung der Speicheldrüsen hat und da auch keine Nebenwirkungen befürchten muss.
00:11:34: Und wie lange muss ich dann auf Station bleiben, bis ich nicht mehr gefährlich für meine Mitmenschen bin?
00:11:40: Normalerweise sagen wir, mindestens achtundvierzig Stunden auf Station bleiben.
00:11:44: Wir messen tatsächlich auch ganz genau die Strahlung, die von einem Patienten noch ausgeht.
00:11:49: Da gibt es in Deutschland sehr strenge Grenzwerte, sodass man sagen kann: Sobald man von Station entlassen wird, ist man auf jeden Fall für die normale Bevölkerung komplett ungefährlich von der Reststrahlung her.
00:12:03: Man sagt, dass kleine Kinder und schwangere Personen tatsächlich noch mal etwas empfindlicher sind gegenüber einer solchen radioaktiven Strahlung.
00:12:10: Da sollte man dann für so eine knappe Woche darauf achten, möglichst engen und zeitlich länger andauernden Kontakt zu meiden.
00:12:18: Aber auch da sagt beispielsweise der Gesetzgeber – man kann ja zum Beispiel nicht ausschließen, dass man in einem Bus neben einer schwangeren Person sitzt, ohne das zu wissen –, dass solche kurzen Aufenthalte nebeneinander unproblematisch sind.
00:12:32: Das heißt, da ist das deutsche Strahlenschutzgesetz wirklich schon sehr streng, auch im Vergleich zu anderen Ländern.
00:12:37: Dass man auf jeden Fall sagen kann, dass sobald man entlassen ist, man für die Normalbevölkerung ungefährlich ist und sich keine Sorgen machen muss.
00:12:45: Und was passiert mit meiner Kleidung, die ich während dieser Therapie getragen habe? Muss ich die verbrennen oder wegschmeißen, oder bei euch lassen? Wie sieht es aus?
00:12:54: Ja, das ist ein Mythos, den es gibt, dass die Kleidung sofort verbrannt wird.
00:12:59: Prinzipiell ist es eben so, dass man einen Teil der Radioaktivität ausscheidet.
00:13:04: Auch über den Speichel oder das Schwitzen.
00:13:08: Wir bieten unseren Patienten bei Hochdosistherapien grundsätzlich an, damit man Stationskleidung und Funktionskleidung über den Zeitraum haben kann.
00:13:17: Dann hat man überhaupt kein Problem.
00:13:19: Wir messen die Kleidung, die die Patientinnen und Patienten mitnehmen möchten, immer gerne mit aus.
00:13:24: Und falls man über einen Grenzwert gekommen ist, weil vielleicht irgendwas gekleckert hat, dann behalten wir auch die Kleidung für die Patienten und bewahren sie auf.
00:13:34: Wir haben jetzt ja gerade darüber gesprochen, dass die Therapiekapsel genommen wird, um die Krebszellen zu zerstören.
00:13:41: Kann diese Therapiekapsel auch diagnostisch genutzt werden?
00:13:45: Ja, das ist das interessante theranostische Prinzip in der Nuklearmedizin.
00:13:49: Dieses Jod-131 mit der Betakomponente, die wir therapeutisch nutzen, hat die praktische Eigenschaft, dass wir auch noch eine kleine Gammakomponente haben, die wir diagnostisch nutzen können. Und dann hat man die Möglichkeit, nachdem man die Kapsel geschluckt hat, im Anschluss eine Bildgebung zu machen, und kann dann genau sehen, wo denn die Radioaktivität – wo das Jod – hingegangen ist, ob es noch andere Bereiche im Körper gibt, die das Jod aufnehmen und vielleicht verdächtig sind für Absiedlungen davon.
00:14:19: Und der praktische Part dabei ist, dass das, was man dann auch sieht, gleichzeitig ja auch schon behandelt wird.
00:14:27: In erster Linie klingt es jetzt alles erst mal relativ unspektakulär, aber gibt es trotzdem noch Nebenwirkungen, die ich dann befürchten muss?
00:14:35: Das Nebenwirkungsprofil erklärt sich auch darüber, wie dieses Jod letztendlich verstoffwechselt wird.
00:14:41: Das eine, was wir schon angesprochen hatten, ist die Magenschleimhaut, wo das Ganze letztendlich erst mal aufgenommen wird, aber auch ganz leicht gespeichert wird.
00:14:48: Da kann es zu einer leichten Entzündung kommen, dass man so ein bisschen Magenrummeln hat.
00:14:52: Das ist aber in der Regel sehr, sehr gut beherrschbar.
00:14:55: Wie gesagt, da kann man so einen Magensäureblocker geben, und dann wird das in der Regel gut vertragen.
00:15:01: Das Zweite ist – wie gesagt – diese Speicheldrüsenspeicherung, weshalb wir eben auch dieses Lutschen von sauren Bonbons, Zitronenlutschen oder so was in die Richtung empfehlen.
00:15:11: Da kann es dann theoretisch, wenn es zu einer stärkeren Speicherung kommen würde, zur Einschränkung der Speicheldrüsenfunktion – sprich Mundtrockenheit – kommen. Wenn man eben so eine einmalige Radiojodtherapie hat, und diese Handlungsempfehlung auch befolgt, ist das Ganze sehr gut verträglich.
00:15:30: Vielleicht kann man hier ergänzen: Die schlimmste Nebenwirkung, die Patienten meistens direkt bemerken, ist die Langeweile auf Station, weil man ja doch mindestens die achtundvierzig Stunden, manchmal etwas länger, auf Station sein muss.
00:15:41: Und klar, man ist nicht in einem Bunker im Keller eingesperrt.
00:15:45: Aber trotzdem die Tatsache, dass man sich nicht ganz frei bewegen kann.
00:15:48: Dass man nicht rausgehen kann und dass man keinen Besuch empfangen kann – das macht dann meistens schon zu schaffen. Wobei man, weil man ja auch alle Gegenstände mitnehmen kann und wieder aus der Therapiestation herausnehmen kann, sich empfiehlt, Bücher mitzunehmen, einen Laptop mitzunehmen – das ist überhaupt kein Problem.
00:16:07: Es ist eigentlich auch beruhigend, dass das das größte Übel dann ist – die Langeweile also.
00:16:08: Ich glaube, da kann man sich echt Schlimmeres vorstellen.
00:16:11: Jetzt muss man natürlich auch über Nachsorge sprechen.
00:16:13: Also wenn man die Station verlassen darf und wieder zu Hause ist, wie sieht es denn aus?
00:16:18: Was ist eine Ganzkörper-Jodszintigraphie zum Beispiel? Was kann ich mir darunter vorstellen?
00:16:24: Letztendlich, wie mein Kollege schon gesagt hat, können wir dieses Jod nicht nur für eine Therapie benutzen, sondern auch für eine Diagnostik.
00:16:31: Einfach weil es eben auch diesen geringfügigen Anteil und diese etwas weiter reichende Strahlung hat, die wir halt sehr schön noch in der Kamera detektieren können.
00:16:40: Dieses Prinzip können wir uns zunutze machen, indem wir sehr geringe Mengen von diesem Radiojod eben zu rein diagnostischen Zwecken den Patienten geben.
00:16:48: Das Ganze fühlt sich für die Patienten sehr ähnlich an wie die eigentliche Radiojodtherapie, ist wieder mit einem stationären Aufenthalt verbunden,
00:16:56: ermöglicht uns aber so eine Art Erfolgskontrolle der Radiojodtherapie. Wir machen das bei uns in der Klinik häufig neun Monate nach der eigentlichen Radiojodtherapie, um dann zu schauen, dass man nach neun Monaten noch mal eine zusätzliche Sicherheit gewinnt.
00:17:10: Dass zum Beispiel Restgewebe, was man im Rahmen der Radiojodtherapie gesehen hat, weg ist.
00:17:15: Dass man weiterhin keinen Hinweis auf irgendwelche Metastasen hat, und wenn man halt diese zusätzliche Sicherheit dann gewonnen hat, gesehen hat, dass im Körper keine jodaufnehmende Metastase nachzuweisen sind –
00:17:28: dann kann man zum Beispiel auch den Patienten sagen, dass sie mit der Nachsorge in eine rein ambulante Nachsorge überwechseln können, sprich nur regelmäßig den Tumormarker und Ultraschalluntersuchungen bestimmt werden, und die Patienten dann zum Beispiel keine stationären Aufenthalte mehr benötigen.
00:17:43: Ist es denn auch schon so etwas wie eine kleine Therapie, oder ist das tatsächlich nur rein diagnostisch?
00:17:48: Das ist tatsächlich rein diagnostisch.
00:17:50: Man benutzt zwar auch das Radionuklid, das Jod-131, das man für die Therapie genutzt hat, aber wirklich nur einen ganz kleinen Bruchteil davon, und nutzt dort eben die zweite Eigenschaft dieses Jods – nämlich diese Gammakomponente –, sodass man ein Bild machen kann.
00:18:04: Also das ist keine weitere Therapie!
00:18:08: Ich habe eingangs die Frage gestellt: Ist die Radiojodtherapie eine Behandlung, die Schilddrüsenkrebspatienten tatsächlich eine echte Heilung bringen kann?
00:18:16: Wie ist jetzt eure abschließende Meinung dazu – und, Liam, magst du anfangen?
00:18:20: Also, ich muss sagen, dass wir mittlerweile mit dieser Kombination aus der Operation plus der Radiojodtherapie in einem Stadium sind, wo eben diese gut differenzierten Schilddrüsenkarzinome, die über den allermeisten Patienten vorhanden sind, wirklich extrem gut behandelbar sind.
00:18:35: Sprich, diese Patienten – das hat sogar eine Studie gezeigt –
00:18:38: haben im Vergleich zur Normalbevölkerung tatsächlich sogar eine längere Lebenserwartung als die normale Bevölkerung. Und es konnte sehr schön gezeigt werden in einer Studie.
00:18:47: Das liegt jetzt nicht daran, dass wahrscheinlich die Radiojodtherapie selber daran schuld ist,
00:18:50: und dann hat man wahrscheinlich, wenn man so eine Diagnose mal hat, den eigenen Lebensstil auch so ein bisschen überdacht.
00:18:56: Aber was rüberkommen soll: Aus dieser Kombination aus OP plus Radiojodtherapie haben wir mittlerweile wirklich sehr gute Werkzeuge in der Hand, um eben diese Erkrankung zu behandeln, sodass man bei diesen Patienten, wenn man die Nachsorgetermine regelmäßig wahrnimmt, von einer wirklich sehr guten Prognose ausgehen kann.
00:19:17: Um da auch so ein bisschen die Sorge vor dieser Erkrankung, die natürlich erst mal durchaus etwas Belastendes ist, zu nehmen.
00:19:24: Michael, siehst du das auch so?
00:19:25: Ja, dem kann ich voll zustimmen.
00:19:27: Die Radiojodtherapie wird seit über achtzig Jahren bei uns erfolgreich eingesetzt und hat eine tolle Möglichkeit geboten, dass man diese differenzierten Schilddrüsenkarzinome wirklich gut behandeln kann.
00:19:42: Nebenwirkungsarm behandeln kann und den Patienten damit viel Lebensqualität auch wieder zurückgeben kann und auch viel Sorge auf jeden Fall nehmen kann.
00:19:53: Okay, und das heißt: Die Radiojodtherapie nutzt eine einzigartige Eigenschaft des Körpers – nämlich, dass Schilddrüsenzellen Jod aufnehmen – und macht daraus eine gezielte, hochwirksame Behandlung. Eine Therapie, die minimal belastend ist und gleichzeitig maximale Wirkung entfaltet!
00:20:11: Weitere Infos zum Thema gibt's wie immer in den Shownotes zu dieser Folge.
00:20:15: Und damit danke ich euch, Liam und Michael, für eure Einschätzung!
00:20:19: Danke Ihnen fürs Zuhören – und in der nächsten Folge sprechen wir darüber, ob der stationäre Aufenthalt im radioaktiven Kontrollbereich eigentlich gefährlich ist.
00:20:29: Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute, bis dann, machen Sie es gut.
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