Mythen & Fakten: Der radioaktive Kontrollbereich entschlüsselt

Shownotes

Gäste:

Prof. Dr. med. Matthias Eiber, Technische Universität München (TUM)

PD Dr. med. Philipp Hartrampf, Universitätsklinikum Würzburg (UKW)

Beschreibung: Wer eine nuklearWas das bedeutet, wie der Alltag dort aussieht und warum die Schutzmaßnahmen für Patientinnen und Patienten wichtig sind und diese und das Personal dadurch schützen, erklären PD Dr. med. Philipp Hartrampf und Prof. Dr. med. Matthias Eiber in dieser Folge. Sie gehen auf konkrete Alltagsfragen ein – von Besuchen durch Angehörige bis zur natürlichen Radioaktivität, der wir alle täglich ausgesetzt sind.

Links:

Bayerisches Zentrum für Krebsforschung (BZKF)

https://www.bzkf.de/

Radioaktiver Kontrollbereich

https://www.bfs.de/DE/themen/ion/umgang/kontrollbereich/kontrollbereich_node.html

Nuklearmedizin

https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearmedizin

Strahlenschutzverordnung (Deutschland)

https://www.gesetze-im-internet.de/strlschv/

Radioligandentherapie (Peptidrezeptor-Radiotherapie, PRRT)

https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/weitere-verfahren/prrt.php

Kosmische Strahlung

https://www.bfs.de/DE/themen/ion/natuerliche-strahlenquellen/kosmische-strahlung/kosmische-strahlung_node.html

Natürliche Radioaktivität in Lebensmitteln

https://www.bfs.de/DE/themen/ion/natuerliche-strahlenquellen/lebensmittel/lebensmittel_node.html

Universitätsklinikum Würzburg, Klinik für Nuklearmedizin

https://www.ukw.de/nuklearmedizin/

Technische Universität München (TUM), Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin

https://www.nuklearmedizin.mri.tum.de/

Transkript anzeigen

00:00:00: Radioaktiver Kontrollbereich.

00:00:02: Schon der Name klingt so ein bisschen nach Absperrband, Warnzeichen und Gefahr.

00:00:06: Aber was steckt wirklich dahinter?

00:00:09: In dieser Folge geht es um die Frage: Ist der stationäre Aufenthalt im radioaktiven Kontrollbereich eigentlich gefährlich?

00:00:16: Und damit ganz herzlich willkommen zu unserem Podcast Theranostik und Nuklearmedizin einfach erklärt!

00:00:22: Und dazu begrüße ich PD Dr. Philipp Hartrampf, Nuklearmediziner am Universitätsklinikum Würzburg,

00:00:29: und Professor Dr. Matthias Eiber, Nuklearmediziner an der Technischen Universität München.

00:00:34: Ganz herzlich willkommen! Schön, dass ihr da seid.

00:00:36: Ja, der Begriff radioaktiver Kontrollbereich – das klingt, ich habe es eingangs schon gesagt, irgendwie ein bisschen gefährlich. Ist das tatsächlich auch so?

00:00:45: Also man muss sagen, Kontrollbereich ist ein Bereich in der Nuklearmedizin – wir haben in der Klinik neben anderen Bereichen den Kontrollbereich, der sehr streng gehandhabt wird.

00:00:55: Dann gibt es einen Überwachungsbereich, auch einen Strahlenschutzbereich und den allgemeinen Bereich.

00:01:01: Dieser Kontrollbereich ist einfach nur eine Organisationseinheit innerhalb der Klinik, um die Patienten, die dort aufgenommen werden, und auch das Personal bestmöglich vor Strahlung zu schützen.

00:01:12: Da geht es jetzt nicht darum, was gefährlich ist, sondern es ist einfach eine gesetzlich vorgeschriebene Einheit, die extra eingeführt wurde, um Strahlenbelastungen zu minimieren.

00:01:21: Warum ist diese Strahlenschutzverordnung in Deutschland eigentlich so streng?

00:01:27: Die Strahlenschutzverordnung Deutschlands ist etwas historisch Gewachsenes.

00:01:30: Da hat der Gesetzgeber einfach aus Gründen der Sicherheit ein sehr strenges Niveau für Deutschland vorgegeben, und nach diesen strengen Maßgaben des Strahlenschutzgesetzes halten wir uns in der Nuklearmedizin auch daran – deswegen sind, wie der Kollege gesagt hat, die Kontrollbereiche ausgewiesen.

00:01:49: Es ist jetzt nicht nur so, dass wenn ich ein radioaktives Medikament bekomme, ich selbst vor Strahlen geschützt werden muss oder andere schützen muss – sondern ich muss auch tatsächlich stationär aufgenommen werden.

00:02:00: Wie lange muss ich denn da bleiben?

00:02:02: Bei einer nuklearmedizinischen Therapie muss man mindestens achtundvierzig Stunden auf einer nuklearmedizinischen Therapiestation, die einen Kontrollbereich hat, bleiben.

00:02:11: Und zusätzlich gibt es noch Grenzwerte für die Strahlenexposition, die man nach außen abgibt, und da werden regelmäßige Messungen durchgeführt.

00:02:20: Und wenn man als Patient unter diesem Grenzwert liegt, dann darf man auch, wenn die achtundvierzig Stunden verstrichen sind, den Kontrollbereich verlassen und nach Hause gehen.

00:02:27: Gibt es denn sonst noch irgendwelche Besonderheiten in diesem Kontrollbereich?

00:02:31: Es gibt einige Besonderheiten. Der Kontrollbereich ist ein extra Bereich, der extra gekennzeichnet werden muss – also so ein Schild dran: Achtung Kontrollbereich.

00:02:41: Der Zugang ist beschränkt – es dürfen nur die Patienten dort rein und das Personal dort rein.

00:02:45: Es ist kein Besuch erlaubt, es dürfen auch nur Personen sich dort aufhalten, die damit etwas zu tun haben – also keine Unbefugten.

00:02:53: Und innerhalb dieses Kontrollbereichs dürfen die Mitarbeiter eben auch einer höheren Strahlung ausgesetzt werden als im normalen Umgang in der normalen Bevölkerung.

00:03:03: Deswegen ist auch dieser Kontrollbereich extra gekennzeichnet, dass das nur dort passieren darf – weil wir uns vorstellen müssen: Patienten, die dort aufgenommen werden und dort auch ihre Therapien erhalten, können aus irgendwelchen Gründen –

00:03:15: zum Beispiel bei älteren Patienten, wenn sie inkontinent sind – Kleidung kontaminieren, das Bett kontaminieren mit Radioaktivität. Und wenn diese Patienten einfach in der Straßenbahn fahren würden, würden sie auch die Straßenbahn kontaminieren, und das möchte man vermeiden.

00:03:28: Deswegen müssen diese Patienten in diesen speziellen Bereichen sich aufhalten, und wir kontrollieren den Zugang dazu, sodass keine unbefugten Personen sich mit irgendwelchen radioaktiven Stoffen kontaminieren könnten.

00:03:40: Und ich möchte vielleicht noch ergänzen, was auch wichtig ist:

00:03:43: Der radioaktive Kontrollbereich wird auch sehr intensiv überwacht.

00:03:46: Das heißt, da werden täglich Messungen durchgeführt – gibt es irgendwo Verunreinigungen mit Radioaktivität, die dann quasi entfernt werden –, sodass der wirklich dazu dient, die Patienten und die Mitarbeiter bestmöglich zu schützen und auch zu gewährleisten, dass nicht Patienten unbemerkt Radioaktivität mit nach Hause nehmen.

00:04:06: Das heißt, ihr als Mitarbeiter seid da nicht besonders gefährdet oder anders gefährdet als andere Menschen?

00:04:13: Wir sind strahlenschutzüberwacht, weil wir Überwachungsbereich und Kontrollbereich betreten.

00:04:19: Das ist ganz normal.

00:04:21: Da trägt man seine Strahlenschutzplakette, da hat man jährliche oder zweijährliche Untersuchungen beim Betriebsmediziner, bei dem die Laborwerte überprüft werden, bei dem körperliche Untersuchungen gemacht werden.

00:04:31: Insgesamt muss man sagen, dass für die Mitarbeiter durch diese intensiven Strahlenschutzmaßnahmen nur sehr geringe Strahlenbelastungen auftreten.

00:04:40: Und wenn man das Ganze jetzt mit anderen Berufsgruppen vergleicht, die auch potenzielle Strahlenbelastung haben können – wie zum Beispiel Arbeiter in Kernkraftwerken oder vor allem auch Flugpersonal, Piloten –,

00:04:52: dass es in diesen Berufen oftmals eine Strahlenbelastung deutlich höher ist, bei Vielfliegern zum Beispiel, als bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in einer nuklearmedizinischen Therapiestation.

00:05:03: Beim Bild der Station bleiben – bei den Besonderheiten: Wenn ich als Patientin ein radioaktives Medikament bekomme, dann ist es ja tatsächlich so, dass ich erst mal strahle und diese Radioaktivität vor allem über den Urin wieder abgebe.

00:05:15: Gibt es denn bei den Toiletten oder bei den Duschen auch Besonderheiten?

00:05:20: Da gibt es Besonderheiten, ganz genau.

00:05:22: Der Hauptteil der Radioaktivität wird relativ schnell mit dem Urin ausgeschieden – meist in den ersten vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden. Das ist auch der Grund, warum die Patienten eben diese Zeit bei uns im Kontrollbereich bleiben müssen.

00:05:34: Die Abwasseranlage ist nicht an die Kanalisation angeschlossen, sondern das Abwasser wird getrennt gesammelt – bei uns im Keller in der Abklinganlage.

00:05:42: Dort ist im Effekt ein kleines Klärwerk, das das aufbereitet und dann dieses Abwasser auch so lange dort verwahrt, bis die Radioaktivität abgeklungen ist, bevor es wieder abgegeben werden darf.

00:05:53: Was man da noch ergänzen kann ist, dass wir natürlich deswegen mit Wasser auch sparsam umgehen wollen in der Nuklearmedizin.

00:06:01: Das heißt, wir haben spezielle Toiletten – ich vergleiche das manchmal mit Toiletten in Flugzeugen –, die quasi sehr wenig Wasser brauchen und in denen die Flüssigkeit aktiv abgesaugt wird.

00:06:12: Und auch wenn wir Duschen haben bei uns auf Station, halten wir die Patienten dazu an, nicht übermäßig viel zu duschen, weil wir natürlich nur eine begrenzte Kapazität haben.

00:06:21: Die Tanks möchten natürlich nicht überlaufen, und wir dann sagen müssten, unsere Therapien einstellen oder reduzieren zu müssen.

00:06:28: Jetzt als Zuhörer habe ich gar keine Vorstellung, wie groß die Strahlenbelastung tatsächlich im Kontrollbereich bei euch ist.

00:06:33: Gibt es irgendwelche Referenzwerte für eine Vergleichbarkeit und eine bessere Vorstellung?

00:06:39: Also zum einen kann man noch sagen – das können wir noch ergänzen –: Der Mitarbeiter im Kontrollbereich trägt ein extra spezielles Dosimeter, das die Radioaktivität direkt anzeigt und misst und auch einen Alarm gibt, wenn man sich dem Patienten nähert, der sehr stark strahlt, sodass man eben wieder einen Schritt zurückgeht.

00:06:55: Also es gibt einfach ein akustisches Signal. Und dadurch sind wir sehr, sehr gut überwacht.

00:06:58: Also die Strahlenbelastung für das Personal ist so gering, dass man das fast gar nicht vergleichen kann.

00:07:05: Also wenn man es jetzt in Maßeinheiten umrechnet – vielleicht Langstreckenflüge in die Vereinigten Staaten –, dann habe ich am Ende des Monats ungefähr eine Strahlenbelastung wie wenn ich einen Flug gemacht hätte.

00:07:18: Man hört jetzt immer die absurdesten Vergleiche.

00:07:20: Jetzt beim Recherchieren habe ich auch den Bananen-Vergleich gefunden – also dass Bananen tatsächlich auch radioaktiv strahlen.

00:07:28: Ist es so?

00:07:29: Tatsächlich strahlen Bananen radioaktiv.

00:07:31: Es liegt daran, dass Bananen sehr kaliumreich sind, und es gibt ein Kaliumisotop, das Kalium-40, was eben vor sich hinstrahlt und sich in einer Banane anreichert. Und wenn wir Bananen essen, nehmen wir auch etwas Radioaktivität in uns auf – das ist ganz natürlich.

00:07:45: Auch in der Natur kommt Radioaktivität vor.

00:07:47: Im Boden kommt Radioaktivität vor.

00:07:49: Wir haben auch die kosmische Strahlung, die auf uns einstrahlt.

00:07:51: Das heißt, Radioaktivität ist ganz normal für den Menschen, und wir können auch mit kleinen Mengen problemlos damit umgehen.

00:07:57: Ich glaube, das ist wirklich ein sehr wichtiger Punkt.

00:08:00: Radioaktivität und radioaktive Strahlung sind in unser aller Alltag allzeit gegenwärtig.

00:08:08: Das heißt, das ist nicht etwas komplett Besonderes in der Nuklearmedizin.

00:08:11: Das Besondere bei uns ist, dass wir die Patienten mit radioaktiver Strahlung exponieren, und dass wir das aber auch sehr genau und sehr streng überwachen.

00:08:20: Wenn man vergleicht, die Strahlenbelastung, die im Durchschnitt ein Mitarbeiter in einer nuklearmedizinischen Therapiestation abbekommt: So liegt es in der Regel allenfalls in der Größenordnung einer Strahlenbelastung, die man sowieso als Mensch auf der Erde – je nachdem in welchem Gebiet man sich bewegt – abbekommen kann.

00:08:39: Und wenn wir jetzt gerade beim Vergleichen sind – ein CT-Thorax, das hat vielleicht schon der eine oder andere gehabt und mitmachen müssen.

00:08:47: Wenn wir diese Strahlenbelastung jetzt mit der nuklearmedizinischen Therapie vergleichen – wie muss man die Strahlenbelastung da ungefähr einordnen?

00:08:55: Ist es das eine intensiver als das andere?

00:08:57: Ich glaube, man sollte diese Strahlenbelastungen nicht direkt miteinander vergleichen, weil die Absicht der Strahlenanwendung oder der Grund, warum die Untersuchungen beziehungsweise die Therapie durchgeführt worden ist, grundsätzlich unterschiedlich sind.

00:09:12: Eine Computertomographie der Lunge ist ein Verfahren, in dem ich etwas diagnostizieren möchte, in dem ich etwas sehen möchte – nämlich Veränderungen nachweisen möchte –, und auf die dann eine wie auch immer geartete Therapie folgt.

00:09:23: Eine nuklearmedizinische Therapie selbst hat einen ganz anderen Anspruch: Sie hat den Anspruch, zielgerichtet Tumorherde beispielsweise zu zerstören, sodass der Vergleich, denke ich mal, nicht wirklich hilfreich ist.

00:09:37: Ja, das sehe ich genauso.

00:09:38: Also der Grund der Strahlanwendung ist ja komplett unterschiedlich.

00:09:41: Wir haben auf der einen Seite: Wir wollen ein Bild machen von der Lunge.

00:09:44: D.h., die Strahlenbelastung ist eigentlich so ein Nebeneffekt, der gar nicht gewünscht war. Und bei der Therapie wollen wir mit der Strahlung den Tumor oder krankes Gewebe zerstören –

00:09:53: wir wollen ja durch die Strahlung einen Effekt erzielen.

00:09:56: Und die Strahlung ist dann eben auch auf dieses kranke Material, auf diesen Tumor zielgerichtet, und nicht auf den gesamten Körper oder auf die gesamte Lunge wahrscheinlich?

00:10:04: Ganz genau. Also die Therapien, die wir haben, sind sehr zielgerichtet.

00:10:08: Die reichern sich in dem kranken Gewebe an und werden sonst am Körper sehr schnell wieder ausgeschieden.

00:10:14: Bei einer Computertomographie wird ja ungerichtet einfach die Lunge untersucht.

00:10:19: Ich kann mir vorstellen, dass die Angst vieler Patientinnen oder Patienten auch ist:

00:10:23: Kann ich durch diese Behandlung – oder vielleicht auch durch einen CT – neuen Krebs bekommen? Oder eine weitere Krebsart?

00:10:30: Ist diese Angst gerechtfertigt?

00:10:33: Im Allgemeinen ist diese Angst nicht gerechtfertigt.

00:10:36: Natürlich gibt es in der Theorie durch eine Strahlenbelastung die Möglichkeit einer Entstehung von Krebs – so wie es auch durch die natürliche Strahlenbelastung, sei es durch die kosmische Strahlenbelastung aus dem Weltraum oder auch die terrestrische Strahlenbelastung aus der Erde, theoretisch Krebserkrankungen gibt.

00:10:56: Die Wahrscheinlichkeit, eine Krebserkrankung zu bekommen durch eine aus der Medizin zugefügte Strahlenbelastung, ist sehr, sehr gering – und das Wichtige vor allem ist, dass der Nutzen der Strahlenanwendung dem Risiko, das die Strahlenbelastung an sich hat, um ein Vielfaches höher ist.

00:11:13: Man kann auch noch ergänzen: Es gibt Therapien, die wir schon sehr lange machen, wie die Radiojodtherapie.

00:11:19: Gerade bei den gutartigen Schilddrüsenerkrankungen ist das da seit vielen Jahren bekannt, dass es nicht zu einem erhöhten Risiko für einen zweiten Tumor kommt.

00:11:27: Wenn man jetzt die neueren Therapieformen nimmt wie die Peptidrezeptorradionuklidtherapie (PRRT), dann gibt es Studienhinweise, dass ein minimal erhöhtes Risiko bestehen kann, was bei circa ein bis zwei Prozent liegen könnte.

00:11:40: Abschließend ist es nicht geklärt, weil man dafür auch noch längere Verlaufszeiträume braucht.

00:11:46: Wenn ich jetzt als Patientin bei euch auf der Station bin – gibt es irgendwelche Dinge, irgendwelche Kleidungsstücke oder mein Laptop oder so –, die ich auf jeden Fall zu Hause lassen sollte, die ich nicht mitbringen darf?

00:11:58: Also prinzipiell kann man sich auf Station alles mitbringen wie auf jeder anderen Station.

00:12:02: Man muss sich vorstellen: Unsere Stationszimmer sehen ziemlich ähnlich aus wie ein normales Krankenhauszimmer.

00:12:09: Die Vorstellung, die manche Patienten haben – ich muss da in den Keller, in den Strahlenbunker, und werde dort eingesperrt für mehrere Tage, kann niemanden sehen, bin allein im Zimmer –:

00:12:18: Das ist nicht so, das ist wirklich quasi ein Mythos.

00:12:22: Unsere Patientenzimmer sind fast wie alle anderen Zimmer.

00:12:27: Ich darf alles mitbringen.

00:12:28: Bei bestimmten Therapien wird der Patient manchmal gefragt: Möchten Sie Ihre Kleidung anbehalten – die Sie dann eventuell dalassen müssen, bis mögliche radioaktive Kontamination abgeklungen ist –? Oder sollen wir Ihnen Krankenhauskleidung für die Zeit stellen, damit Sie Ihre normale Kleidung direkt wieder mit nach Hause nehmen können?

00:12:48: Aber es gibt prinzipiell keine Einschränkungen von dem, was man mitbringen darf oder auch was man benutzen darf – sei es Laptop, Handy oder andere Gegenstände.

00:12:56: Und dass meine Kleidung im Anschluss verbrannt werden muss – das ist dann wahrscheinlich auch ein Mythos.

00:13:00: Das ist definitiv ein Mythos.

00:13:03: Wie sieht denn der Alltag auf Station aus? Also wie müssen sich die Patienten und die Patientinnen verhalten? Müssen sie beispielsweise den ganzen Tag im Bett liegen bleiben?

00:13:13: Sie können sich bei uns in dem Kontrollbereich bewegen – also er umfasst bei uns die Patientenzimmer, den Flur, einen kleinen Patientengarten.

00:13:22: Aber sie dürfen die Station nicht verlassen. Das ist die einzige Einschränkung, die man da machen muss. Und wir haben es auch so, wenn die Patienten am ersten Tag mit hohen Aktivitäten behandelt werden – müssen sie auch erst mal im Zimmer bleiben.

00:13:33: Aber da kann man sich auch frei bewegen.

00:13:34: Die Zimmer sind bei uns auch relativ großzügig gestaltet mit einem kleinen Wintergarten, sodass man sich da auch schön hinsetzen kann.

00:13:40: Weshalb – kann man vielleicht noch ergänzen –:

00:13:42: Unsere Therapien in der Nuklearmedizin sind sehr schonend.

00:13:46: Das heißt, die Patienten, die wir therapieren, merken in den Tagen nach den Therapien eigentlich nichts von der Therapie.

00:13:53: Das heißt, denen geht es auch in der Regel sehr gut.

00:13:55: Das heißt, sie können, wie Philipp gerade gesagt hat, auch wirklich dann Alltagstätigkeiten nachgehen – am Laptop arbeiten, ein Buch lesen.

00:14:03: Die sind wirklich in sehr gutem Zustand, weil unsere Therapien wirklich sehr gut verträglich sind.

00:14:09: Die meiste Strahlung wird ja wahrscheinlich dann in den ersten achtundvierzig Stunden abgegeben – also dass ich danach nur noch wenig strahle.

00:14:15: Muss ich dann zu Hause irgendwas beachten?

00:14:18: Wenn man nach Hause entlassen wird, muss man nichts Größeres beachten, außer dass man für eine gewisse Zeit – meistens ungefähr eine Woche – von kleineren Kindern und Schwangeren einen gewissen Abstand halten sollte.

00:14:31: Und nicht zu viel Zeit mit diesen Personengruppen verbringen sollte – aber sonst gibt es keine besonderen Verhaltensmaßregeln.

00:14:39: Genau, da ist der Gesetzgeber sehr streng.

00:14:42: Im Gesetz ist es so niedergelegt, dass diese Menschen, wenn sie die Station wieder verlassen, ihre Mitmenschen nicht übermäßig belasten dürfen.

00:14:49: Das ist der gleiche Grenzwert, der auch für Atomkraftwerke zum Beispiel gilt – also auch die dürfen uns nicht mehr belasten als ein Patient aus dem Kontrollbereich, der wieder entlassen wurde.

00:14:56: Und da ist es auch wichtig zu unterscheiden:

00:14:59: Es gibt verschiedene Arten von Strahlung – zum einen haben wir die Betastrahlung, die nicht mehr aus dem Körper rauskommt, das ist auch die therapeutisch wirksame; und ein ganz kleiner Teil an Gammastrahlung, die noch rauskommt und die Mitmenschen bestrahlt, die aber von der Wirksamkeit deutlich geringer ist als die Betastrahlung.

00:15:13: Ich müsste dann auch kein separates Bad benutzen?

00:15:17: Nein, man muss kein separates Bad benutzen – man soll natürlich normale Hygienevorschriften beachten, aber man muss kein separates Bad benutzen.

00:15:26: Und wie ist es mit den Haustieren – wenn ich jetzt einen kleinen Hamster habe oder kleine Hunde? Bin ich eine Gefahr für die, wenn ich noch strahle?

00:15:34: Also für die Haustiere besteht keine Gefahr.

00:15:37: Gibt es kuriose Fragen, die ihr von Patienten bekommen habt, wenn ihr mal so die Jahre zurückdenkt?

00:15:43: Was man manchmal so hört – und was schon angesprochen worden ist –, wie es mit Haustieren ist... Das sind sozusagen die kuriosesten Fragen.

00:15:51: Man hört durchaus manchmal Fragen, wie der Umgang mit Kindern, Enkeln und Angehörigen ist.

00:15:57: Das ist völlig verständlich.

00:15:59: Aber insgesamt ranken sich um die nuklearmedizinische Therapiestation und um die nuklearmedizinische Therapie schon viele Mythen, die man aber in der Regel mit einem vernünftigen Patientengespräch zweifelfrei ausräumen kann.

00:16:09: Genau, also was man immer hört, ist der Bunker.

00:16:13: Den gibt es aber so nicht mehr.

00:16:14: Also zumindest nicht in unseren Kliniken, glücklicherweise.

00:16:18: Dann gibt es die Geschichte, dass man nachts im Dunkeln leuchtet.

00:16:22: Da kann ich auch sagen, das passiert nicht.

00:16:26: Und ja, es gibt kuriose Vorstellungen, die im Internet da verbreitet werden – aber es ist im Endeffekt eine normale Station wie in jedem anderen Krankenhaus auch, wo der Zutritt ein bisschen beschränkt ist und die Patienten sich dort aufhalten müssen.

00:16:39: Gibt es Besonderheiten, wenn Patientinnen schwanger sind oder stillen?

00:16:43: Da gibt es in der Tat Besonderheiten: Wenn wir über nuklearmedizinische Therapien sprechen, werden diese bei schwangeren Patienten nicht durchgeführt. Sondern da wird die Schwangerschaft abgewartet, und frühestens drei Monate nach der Schwangerschaft eine radioaktive Therapie durchgeführt.

00:17:01: Es gibt auch gewisse Regeln bezüglich Schwangerschaft nach einer radioaktiven Therapie.

00:17:08: Man sollte in der Regel sechs Monate nicht schwanger werden, wenn eine radioaktive Therapie durchgeführt worden ist.

00:17:13: Insgesamt ist das Risiko sehr, sehr gering, aber man möchte da einfach auf Nummer sicher gehen und gibt den Patienten diese Empfehlungen mit nach Hause.

00:17:22: Genau, ich hatte da noch mal vorhin nachgelesen in der Vorbereitung:

00:17:25: Es gibt keine Hinweise darauf, dass wenn es jetzt nur fünf Monate werden oder nur vier – dass es jetzt irgendwie zu höheren Abortrate kommt.

00:17:32: Also Fehlgeburten oder Missbildungen – das ist nicht nachgewiesen, sowas.

00:17:36: Bis jetzt in großen, mehrere Zehntausend umfassenden Patientenkohorten nicht aufgetreten.

00:17:42: Also eine Therapie – eine radioaktive Therapie – wird eh nicht durchgeführt, wenn man schwanger ist.

00:17:47: Was ist denn, wenn ich eine Diagnose bekomme und zum Beispiel ins CT muss oder so was, oder eine PET-CT durchgeführt wird, und ich vielleicht zu dem Zeitpunkt aber nicht wusste, dass ich schwanger bin – und das erst im Nachhinein rauskommt?

00:18:00: Ist das schädlich?

00:18:02: Es ist in der Regel für das Kind nicht schädlich. Oder für das – also es halt eine Schwangerschaft sehr im frühen Stadium.

00:18:11: Das erlebt man wirklich sehr selten.

00:18:13: Wenn man es mal erlebt, dann wird einfach die Aktivitätsmenge durch den Medizinphysikexperten heruntergerechnet – wie viel Dosis in der Gebärmutter ankommt –, und das ist in der Regel sehr, sehr weit von einem Grenzwert entfernt.

00:18:32: Wenn man erst mal nach den ersten Monaten so einer Therapie nicht schwanger werden darf – gilt diese Vorsichtsmaßnahme auch bei Männern?

00:18:40: Prinzipiell wird auch empfohlen, dass Männer ein halbes Jahr keine Kinder zeugen sollten.

00:18:46: Einen Fachbegriff habe ich noch, den ich gerne mit euch klären würde: Paravasat. Was bedeutet das eigentlich?

00:18:53: Das beschreibt nur eine Injektion – also die Medikamente, die man injiziert hat:

00:18:59: Sei es eine Chemotherapie, sei es auch nur eine Kochsalzlösung oder eine radioaktive Therapie – dass sie nicht in der Vene gelandet ist, wo sie hin soll im Blutstrom, sondern ins Gewebe daneben gelaufen ist.

00:19:10: Das kann bei allen Injektionen vorkommen.

00:19:13: Das ist jetzt nicht nur für die Radioligandentherapie oder für eine nuklearmedizinische Therapie.

00:19:16: Der Fall kann auch bei Chemotherapien vorkommen.

00:19:19: Was dabei passieren kann ist, dass diese Medikamente oder auch die Radioaktivität an der Stelle, wo sie dann gelandet ist –

00:19:24: nämlich in der Haut oder im Unterhautfettgewebe oder Muskel –, dort zu Schäden führen könnte.

00:19:31: In der Regel merkt der Patient es aber relativ schnell, weil es nämlich wehtut, wenn das daneben läuft.

00:19:35: Es wird dick, oder es tropft irgendwie raus, und dann gibt er uns Bescheid.

00:19:39: Dann wird die Infusion gestoppt, nicht fortgesetzt an dieser Stelle.

00:19:43: Man kann sich eine andere Stelle natürlich fortsetzen.

00:19:46: Man muss dann gucken: Wie viel ist denn da eigentlich daneben gelaufen?

00:19:48: Das kann man ja schon mal abschätzen – wie viel sieht man da?

00:19:51: Und bei der Radioaktivität ist der Vorteil: Ich kann es direkt messen.

00:19:53: Ich weiß, da fehlappliziert wurde, und da gibt es auch Vorgaben, wie viel das maximal sein darf.

00:19:58: Der Medizinphysikexperte wird dann da die Dosis abschätzen, und in Abhängigkeit davon muss man gucken, ob weitere Maßnahmen notwendig sind.

00:20:06: Aus meiner Erfahrung –

00:20:08: das korrigiere mich aber –: Ich habe bis jetzt immer gesehen, dass selbst wenn eine kleine Menge daneben gegangen ist, nichts passiert, und die Radioaktivität trotzdem noch den Weg in den Tumor findet.

00:20:16: Interessanterweise wird das irgendwie anders absorbiert und findet den Weg trotzdem noch in den Tumor.

00:20:21: Das kann ich komplett unterstützen – ist auch unsere Erfahrung, dass hier nichts passiert.

00:20:27: Man hält manchmal den Patienten dazu an, ein bisschen die Stelle zu massieren – man macht warme Umschläge –, sodass man quasi die Flüssigkeit...

00:20:35: Man hat – Philipp hat völlig recht –:

00:20:36: Das kann nicht nur bei der nuklearmedizinischen Therapie passieren, sondern auch bei jeder Chemotherapie. Und er möchte einfach, dass diese Flüssigkeit, die an einer Stelle ist, wo sie nicht sein sollte, so schnell wie möglich vom Körper aufgenommen wird. Und da können warme Umschläge und Massieren oft sehr gut helfen.

00:20:49: Also ich denke, ihr konntet die Patientinnen und Patienten auf jeden Fall beruhigen heute mit euren Aussagen.

00:20:54: Und mit einigen Mythen aufräumen.

00:20:57: Nochmal ganz abschließend meine Eingangsfrage: Wie würdet ihr es jetzt zusammenfassen?

00:21:01: Ist der Aufenthalt im radioaktiven Kontrollbereich wirklich gefährlich – oder ist das vielleicht doch gar nicht so schlimm wie man befürchten könnte?

00:21:10: Also ich kann sagen: Es ist nicht gefährlich.

00:21:13: Das war auch den Patienten immer bei uns fast wie Urlaub – also man darf sich da keine Sorgen davor machen.

00:21:18: Man darf die Zeit auch genießen.

00:21:20: Und ich möchte ergänzen: Der Nutzen einer nuklearmedizinischen Therapie überwiegt einem möglichen Risiko um ein Vielfaches.

00:21:27: Auch das ist, glaube ich, noch wichtig für die Patienten, mit nach Hause zu nehmen.

00:21:30: Okay, das heißt zusammenfassend:

00:21:32: Der radioaktive Kontrollbereich ist kein Ort der Angst, sondern ein sorgfältig geregelter Schutzraum, der sowohl Patienten als auch das Umfeld zuverlässig schützt – ein Aufenthalt, der medizinisch notwendig, aber deutlich weniger bedrohlich ist, als der Name es vermuten lässt.

00:21:48: Weitere Infos zum Thema gibt's wie immer in den Shownotes zu dieser Folge. Und damit danke ich euch, Philipp und Matthias, für eure Einschätzung und die Erklärungen – und Ihnen danke ich wie immer fürs Zuhören.

00:21:59: Bis zum nächsten Mal, machen Sie es gut!

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